Jever - Wenn die Möglichkeit besteht, Tieren einmal so nahe zu sein, sollte sie auch genutzt werden. Dieser Meinung ist Nicole Zielschot, die gemeinsam mit ihrem Sohn Eric am Sonntag den Brüllmarkt in Jever besucht hat. Wobei: Durch ihren Beruf hat die Mutter ohnehin viel mit Tieren zu tun: Sie ist Tierärztin.

Wieder kamen viele Besucher zum Brüllmarkt. Zum 37. Mal hat sich die Stadt in einen bunten Bauernhof verwandelt, landwirtschaftliche Vereine, Verbände, Züchter und Händler haben sich vorgestellt. Vor allem für Kinder war natürlich wieder der kleine Streichelzoo ein Höhepunkt – auch für den einjährigen Eric.

Ist Erntedank heute eigentlich noch zeitgemäß? Diese Frage stellte Ellen Kromminga-Jabben, Vorsitzende des Kreislandfrauenverbandes Wilhelmshaven-Friesland, zur Eröffnung des Brüllmarktes.

Die wirtschaftliche Lage auf vielen Betrieben sei nicht einfach – unter anderem durch Konkurrenzdruck aus anderen Ländern. Auf vielen landwirtschaftlichen Familien laste psychischer Druck, sie müssten sich oft in der Öffentlichkeit harscher und haltloser Kritik stellen, in Hinblick auf Tierhaltung und Düngepraxis. „Wer soll das dauerhaft aushalten können?“, fragte Ellen Kromminga-Jabben. „Unsere Landwirtschaft befindet sich im Wandel – aber das braucht Zeit und Unterstützung.“

Landwirte in Deutschland würden weltweit die hochwertigsten Lebensmittel produzieren und dabei die strengsten Auflagen einhalten, betonte sie – und erntete dafür Applaus.

Wer die Lebensmittelproduktion ins Ausland vertreiben will, der gefährde viele Arbeitsplätze und fördere, dass in Zukunft Lebensmittel in Deutschland auf den Tisch kommen, die nicht diesen strengen Auflagen unterliegen. Profitieren würde hiervon keiner – nicht der Landwirt, Verbraucher oder das Tier. „Vertrauen Sie unseren Landwirten und seien wir dankbar für die Lebensmittel, die hier hergestellt werden“, sagte Ellen Kromminga-Jabben. Die Landfrauen finden: Ja, Erntedank ist noch zeitgemäß, sogar zeitgemäßer denn je, meinte die Sprecherin. „Vergessen wir nicht: Die Zukunft der deutschen Landwirtschaft liegt in ihren Händen.“

Kreislandvolkvorsitzender Hartmut Seetzen betonte, dass viele Landwirte derzeit sehr besorgt seien: Nach zwei schwierigen Erntejahren, in denen nicht genug Futter für die Tiere geerntet werden konnte, erschwere die Politik zusätzlich ein nachhaltiges Arbeiten, sagte Seetzen. „Die Politik setzt Gesetze in Bewegung, die keine Folgeabschätzung haben und auch nicht wissenschaftlich abgesichert sind.“

Hier hob Seetzen das Insektenschutzprogramm hervor: Dadurch, dass die Landwirte einen fünf Meter breiten Abstand zwischen Ländereien und Entwässerungsstreifen haben müssen, würden schmale Flächen einen Verlust von 25 Prozent erleiden. Für die Betriebe bedeutet das, so Seetzen, ihren jetzigen Viehbestand nicht mehr komplett mit regionalem und nachhaltigem Futter versorgen zu können. Die Kosten blieben gleich, die Erträge aber würden sinken. „Damit werden Betriebe unwirtschaftlicher, und die Folge ist häufig die Aufgabe der Höfe.“

Bei der Studie, die als Grundlage des Insektenschutzprogrammes genommen worden ist, sei unter anderem nur das Gesamtgewicht von Insekten auf einer Fläche betrachtet worden. „Ein Maikäfer wiegt dabei deutlich mehr als ein Marienkäfer – was sagt das Gesamtgewicht dann über die Artenvielfalt und Anzahl der Tiere aus?“, fragte Seetzen. In seinen Augen müssten die Ausgleichsflächen für Insektenschutz infrage gestellt werden.

Besonders stolz sei er darauf, dass Frieslands Landwirte auf freiwilliger Basis im Jahr 2016 auf den landwirtschaftlichen Nutzflächen 180.000 Quadratmeter Blühfläche angebaut worden ist. 2019 konnte das gesteigert werden, insgesamt wurden Blühflächen auf eine Million Quadratmeter in Friesland angebaut.

Landrat Sven Ambrosy nannte den Brüllmarkt als eines der wichtigsten Feste. „Was wäre Friesland ohne die Landwirte, ohne die Schwarzbunten auf der Weide?“, meinte der Landrat.

Der Brüllmarkt biete die Möglichkeit, mit den Landwirten in Kontakt zu treten und mit ihnen zu reden – und das sei wichtig und richtig. Denn: Oftmals höre man heutzutage einander gar nicht mehr richtig zu, sagte Ambrosy. Lebensmittel, Wasserschutz und Naturschutz – das seien wichtige Dinge, über die geredet werden müsste. „Aber da muss man sich auch gegenseitig zuhören – auch wenn man nicht immer der gleichen Meinung ist.“

Jevers Bürgermeister Jan Edo Albers dankte all denjenigen, die den Ernteumzug und den Brüllmarkt mitgestaltet haben. Ganz besonders hob er hier Heino Eilers hervor: Der Landwirt war zum 25. Mal mit seinen Rindern dabei. „Und ohne die Tiere ist so ein Brüllmarkt ja kaum vorstellbar“, so Albers.

Antje Brüggerhoff
Antje Brüggerhoff Lokalredaktion, Jeversches Wochenblatt