Jever - „Ich bringe die Zeitung mit.“ Als ich am frühen Sonntagmorgen meinem noch schlafenden Mann einen Zettel mit dieser Nachricht auf den Küchentisch legte, wusste ich noch nicht, dass ich an diesem Vormittag nicht richtig zum Zeitunglesen kommen würde.

Ich steckte das Handy und die Kreditkarte zum Bezahlen der Zeitung ein und machte mich dick eingepackt bei minus fünf Grad auf den Weg zur Laufrunde durchs Moorland. So früh morgens ist man fast alleine, allerdings traf ich ein Paar mit Dackel. Das hatte ich dort schon häufig gesehen. Wir grüßten uns wie immer freundlich, ich lief bis zur Addernhausener Straße und dann retour. Als ich schon fast wieder am Bahnübergang angelangt war, sprach mich eine Frau mit gelbgrüner Jacke an. „Sind Sie Frau Meiners?“ Nach meinem etwas irritierten Kopfnicken die Hiobsbotschaft: „Sie haben Ihre Kreditkarte verloren.“ Mein Puls beschleunigte sich. Doch die Frau mit der auffälligen Jacke beruhigte mich: Die Karte war gefunden worden, ein Paar hatte sie an sich genommen, um sie beim Fundbüro abzugeben. Ein Paar mit Dackel. Von diesem Moment an war ich beruhigt. Die beiden waren immer so nett und aufmerksam. Ich kannte die zwei zwar nicht näher, doch das wusste ich intuitiv: Bei ihnen war meine Kreditkarte in guten Händen. Gleich morgen früh würde ich im Fundbüro anrufen. Ich konnte mich also entspannen.

„Du erlebst aber auch immer Sachen.“ Mein Mann schüttelte den Kopf, als ich ohne Zeitung, aber mit einer Geschichte zu Hause ankam. Er holte die Sonntagszeitung, doch ich konnte mich kein bisschen auf die Lektüre konzentrieren. Ich wusste auf einmal, dass ich nicht bis zum nächsten Tag warten konnte, um die Kreditkarte wiederzubekommen. Was tun? Den Namen der Finder kannte ich nicht. Doch zum Glück fiel mir Frau Schoster ein. Die treffe ich fast jeden Tag im Moorland beim Laufen. Außerdem habe ich mit ihr zusammen schon mal ein Reh gerettet, das sich in einem Zaun verfangen hatte. Aber das ist eine andere Geschichte …

Ihre Telefonnummer fand ich schnell raus. Und ja, sie konnte mich beruhigen: Sie kannte das Dackel-Paar. Doch beim Namen musste sie passen. „Ich rufe meine Kinder an, die werden es wissen“, versprach sie mir. Bis zum Rückruf dauerte es eine Weile, denn Frau Schoster musste noch ein wenig rumtelefonieren, um mir schließlich folgende Informationen geben zu können: „Den heutigen Familiennamen der Frau mit dem Dackel, der eigentlich der Dackel der Nachbarin ist, habe ich nicht rausgefunden. Aber sie heißt Constanze und ist eine geborene Nöth“, erklärte sie und beschrieb die Lage des Hauses, in dem das Paar wohnt. Ich bedankte mich artig. Das war ein Anfang. Doch Nöths gibt’s viele in Jever.

Über Facebook ist mein Mann mit Mareike Nöth befreundet. Die bat er nun um Rückruf, der bald erfolgte. „Ja“, so erklärte mir die Dachdeckermeisterin, die vor mehr als 30 Jahren mit unserer Tochter im Kindergarten war, ja, das sei entfernte Verwandtschaft. Mit einer Telefonnummer allerdings konnte auch sie nicht helfen. Da solle ich doch vielleicht besser ihren Vater anrufen, dessen Nummer sie mir hilfsbereit nannte.

Das tat ich nicht mehr. Ich zog meinen Mantel an und machte mich auf den Weg zu dem von Frau Schoster beschriebenen Haus. Klingelte, und die mir vom Sehen gut bekannten Dackelausführer standen vor mir: Constanze Nöth, die immer noch Nöth heißt, und ihr Mann Dirk Loors. Sie hatten meine Karte gefunden – allerdings nicht zufällig, sondern weil sie ganz gezielt danach gesucht hatten. Ich verstand nur Bahnhof. „Wir waren schon auf dem Rückweg, als wir auf die Frau mit der gelben Jacke trafen“, klärte Dirk Loors mich auf. Die erzählte, dass sie auf ihrem Weg gerade die Kreditkarte einer Frau Meiners gefunden habe. Aber, oh Schreck: Sie hatte die Karte wieder verloren. Auf jeden Fall war sie in ihren Taschen nicht mehr auffindbar. Constanze Nöth und Dirk Loors versprachen, nach der Kreditkarte zu suchen und wurden gar nicht weit entfernt fündig. Sie riefen der Kartenfinderin und Wieder-Verliererin von Weitem zu, dass sie die Kreditkarte an sich nehmen und sie beim Fundbüro abgeben würden.

Das allerdings brauchten sie nicht mehr, denn ich hatte die ehrlichen Finder nur zweieinhalb Stunden nach dem Verlust selbst ausfindig gemacht. Da allerdings hatten sie schon, nachdem sie ohne Erfolg versucht hatten, meine Telefonnummer in Erfahrung zu bringen, bei der Kreditkartengesellschaft den Fund gemeldet. Deshalb ist die Karte jetzt gesperrt. Doch in drei Tagen soll die neue kommen, und ich weiß einmal mehr, warum ich so gerne in Jever lebe. Man stelle sich vor, ich hätte die Karte beim Joggen im Berliner Tiergarten verloren.

In Jever kennt jeder jeden. Und wenn man sich nicht direkt kennt, dann findet man einen, der einen kennt, der weiterhelfen kann. Ich liebe diese Kleinstadt.