Jever - Die Diskussion darüber, was aus dem ehemaligen Betriebsgelände der Firma Kückens im historischen Hafenquartier wird, kommt nicht zur Ruhe. Es handelt sich dabei um ein sogenanntes Filetstück innerhalb des Sanierungsgebietes IV im Bereich Schlachtstraße, Lohne und Hooksweg. Nachdem sich im September vergangenen Jahres mit dem jeverschen Unternehmer Torsten Fellensiek ein Privatinvestor für das Areal gefunden hatte, beantragt nun die SWG/FB-Gruppe im Rat, dass die Stadt selbst das Areal erwerben soll. Diesen Antrag stelle SWG, weil die kürzlich im Planungsausschuss vorgestellte Rahmenplanung „für den Bereich Schlachte, Lohne und Hooksweg und insbesondere für das ehemalige Betriebsgelände Kückens in keiner Weise unseren bereits mehrfach vorgetragenen Vorstellungen entspricht“, so die SWG in einer Pressemitteilung.
Der Antrag
Das Gelände mit seinen Gebäuden sei im Planungsprozess des Sanierungsgebietes IV vollständig zu integrieren und für die zukünftigen Nutzungen gesondert mit Bürgerbeteiligung zu entwickeln, heißt es in dem Antrag. Im Finanzierungsvorschlag für das Sanierungsgebiet IV seien für Grunderwerb bereits 800 000 Euro enthalten. Der Grunderwerb ist ebenso wie andere Projekte mit zwei Dritteln förderfähig. „Zur weiteren Finanzierung würden wir den Verzicht auf die ohnehin spärlichen gestalterischen Akzente im Bereich Hafenbecken, wie den Umbau der Kreuzung Hooksweg / Kostverloren vorsehen“, erklärt die Wählergruppe.
Im Laufe einer langfristigen Entwicklung des Geländes könne sich die Fraktion die Integration der Stadtbücherei dort vorstellen. Die derzeitigen monatlichen Mieten würden langfristig entfallen. Die vorhandene Halle könnte zur „Jever-Event“-Halle umfunktioniert und zu einer Multifunktionsveranstaltungsstätte werden. Weiter ließe sich für die Finanzierung sicherlich über Namens- und Nutzungsrechte das Friesische Brauhaus zu Jever gewinnen, meint die SWG. Sie schlägt weiterhin vor, auf den Weiterbetrieb der Dannhalm-Aula (ca. 100 000 Euro jährlich) und dort ausstehende Sanierungen zu verzichten.
Was die SWG kritisiert
Die SWG kritisiert, dass laut Rahmenplanung unter anderem vor der ehemaligen Gaststätte „Goldener Anker“ ein verkehrsberuhigter Bereich geschaffen werden solle. Das halte die Fraktion für unsinnig, „da unmittelbar bzw. hautnah mit der Verkehrsachse Wangerländische Straße-Schlachte/Kostverloren, mit einer Verkehrsbelastung von ca. 5000 Kraftfahrzeugbewegungen täglich, dort keine Aufenthaltsqualität geschaffen werden kann“. Der völlig intakte Kreuzungsbereich Kostverloren/Schlachte (Lidl) müsste zudem umgebaut werden, um den Schwerlastverkehr (Busse, Zulieferer Lidl) aufnehmen und bewältigen zu können.
Besonders sträubt sich die SWG gegen die Bebauung des Kückens-Geländes mit einem Parkplatz. „Wir sind der festen Überzeugung, dass der Wert dieses Geländes in vielerlei Hinsicht nicht erkannt bzw. unterschätzt wird. Gerade der riesige Innenhof, der mit seiner Bebauung diesen Bereich von fast allen Lärmemissionen abschottet und der nahezu kraftfahrzeuglose Bereich an der Lohne/Nordergast bieten fast parkähnlich Aufenthaltsqualitäten. Diesen wertvollen Raum nun zum Teil für Parkplätze nutzen zu wollen, halten wir stadtplanerisch für eine Planungssünde“.
Udo Albers (SWG) und Karl Oltmanns (Grüne) hätten dazu im Bürgerbeteiligungsprozess im vergangenen Jahr Vorschläge gemacht, die vom Planungsbüro nicht beachtet worden seien. Bereits im Jahr 2020 habe die SWG vergeblich beantragt, das Gelände zu kaufen. Damals sei aber weder der SWG-Fraktion noch den übrigen Fraktionen bekannt gewesen, in welcher Höhe der Grunderwerb gefördert werde.
Das wäre denkbar
Ideen hat die SWG reichlich, was mit dem früheren Kückens-Areal gemacht werden könnte. Das ehemalige Betriebsgelände biete ein hohes Potenzial an Entwicklungsmöglichkeiten auf. Das Gelände sei nahezu verkehrsberuhigt, aber dennoch für Verkehre jeglicher Art voll erschlossen. Damit könne die Stadt eine Entwicklung im Bereich Freizeit, Tourismus, Wirtschaft entfachen, deren Wert sich noch gar nicht abschätzen lasse. Die SWG/FB-Gruppe nennt Beispiele:
eine historische Motorradsammlung, die sich in die Museumsstadt (Schlossmuseum, Schlachtmühle, Feuerwehrmuseum, Brauereimuseum, Getreuen-Museum) einfügen würde
ein Geschäft für regionale Produkte (Jeverländer Spirituosen, Jeverländische Speisekammer, Backwaren Schoof-Middoge, Bahlsen usw.)
ein Künstlerhaus mit Atelier und wechselnden Stipendiaten
eine Art kleines Club-Kino, das den Verlust des Kinos in der Bahnhofstraße kompensieren könnte.
Bei einer Bürgerbeteiligung würden nach Ansicht der SWG „noch viele weitere umsetzbare Ideen entwickelt werden können“. Jever würde in Anbetracht der Entwicklungen im touristischen Bereich der Gemeinde Wangerland (Wangermeer, Horumersiel) weiter an Anziehungskraft gewinnen. „Ebenso würde ein solches Projekt unsere Stadt als Wohnstandort für unsere Bürgerinnen und Bürger weiter beflügeln“, heißt es in der Presseinformation weiter. Der Bauausschuss der Stadt am kommenden Mittwoch, 30. März, um 16.30 Uhr wird sich mit dem Antrag der SWG/FB-Gruppe befassen.
Was dazu noch wichtig ist
Von 1902 bis 2016 existierte die Eisenwarenhandlung und Sanitär Johann Nicolaus Kückens in der Schlachtstraße 27. Mitte der 1970er-Jahre dehnte sie sich auf das Nachbarhaus 25 aus. Einzelhandelskaufmann Günter Eirund (1927–2007) war rund ein halbes Jahrhundert als Repräsentant das Gesicht der Firma, in deren Diensten er von 1943 bis 2007 stand Zum Betrieb gehört auch die große, zwischen Schlachte und Nordergast gelegene Eisenbiegerei. Björn Tiegges leitete sie. Seit dem Verkauf des Betriebs im November 2013 an Matthias Keunecke (Bremen) zählte Sanitärbedarf nicht mehr zur Produktpalette, obwohl ein Badezimmer weiterhin das Schaufenster schmückte. Mit der Aufgabe der Eisenbiegerei in Jever und der Filiale in Varel (2016) endete die Ära Kückens in Jever. Die weitere Nutzung der Immobilie Schlachtstraße 25–27 blieb lange offen.
Nachdem ein möglicher Investor, der die Immobilie für den Bau eines Seniorenzentrums nutzen wollte, sich zurückgezogen hatte, trat im vergangenen Jahr Torsten Fellensiek, Geschäftsführer der Fellensiek Projektmanagement GmbH, als Investor in die Öffentlichkeit. Er will das Areal zwischen Schlachtstraße und Nordergast kaufen. Sein Ziel: In bester Lage sollen hier Flächen für Wohnraum, Einzelhandel und Büros geschaffen werden. Das Investitionsvolumen beträgt nach Fellensieks Angaben rund 14,5 Millionen Euro. Das Gelände ist 4600 Quadratmeter groß. Der Bebauungsplan wurde mit einer Veränderungssperre belegt.
