Moorwarfen - Das Frühstück beginnt um 9.30 Uhr. Nach und nach trudeln die Jugendlichen in der Küche ein, setzen sich an den großen Tisch und verzehren – wie wohl die meisten jungen Leute in dem Alter – wortkarg Brot und Brötchen, trinken Milch und Saft. „Normalerweise frühstücken wir schon um sechs“, meint Michael (Namen von der Redaktion geändert) greift zur Butter und ergänzt: „Aber mit Corona ist ja alles anders.“
Normalerweise – das bedeutete auch für die zehn Jugendlichen der GPS-Wohngruppe „Die Schwalben“: die Zeit vor dem Lockdown. Wie junge Menschen, die in Familien aufwachsen, müssen die Bewohner dann auch früh morgens raus, frühstücken und mit Bus, Taxi oder Fahrrad in die Schule. Zurzeit ist aber auch für „Die Schwalben“ alles anders.
Pflichten und Freuden
Nach dem Frühstück verschwinden die Jugendlichen in ihren Zimmern. Während Hauswirtschaftsmeisterin Iris Meier in der Küche den Tisch abräumt und das Mittagessen vorbereitet (Nudelauflauf), erledigen die Jungen und Mädchen Schularbeiten oder holen sich per Video-Schalte Aufgaben von ihren Lehrern. Außerdem steht vormittags noch der „Budenzauber“ an – das Reinigen der Gemeinschaftsräume.
Dass die jungen Leute sich vor Beginn der täglichen Pflichten untereinander noch kurz kabbeln und necken, bleibt bei insgesamt zehn Bewohnern wohl nicht aus. „Jugendliche müssen sich reiben – das macht ihre Persönlichkeit aus“, ist Leiter Steffen Padovan überzeugt. Dabei kommt die Frage auf: Wie viele Kinder und Jugendliche in Kleinfamilien sehnen sich in Zeiten der erzwungenen Isolation wohl nach ähnlichen sozialen Kontakte wie in der Wohngruppe?
Ohne die Situation in dem Haus am Moorwarfer Schwalbenweg zu idealisieren, meint Iris Meier: „So gesehen haben es unsere Kinder und Jugendlichen besser.“ Und tatsächlich: Laut einer Studie des Deutschen Jugendinstituts (DJI), hat rund ein Drittel der Kinder Probleme, mit dem Lockdown zurechtzukommen. Jede fünfte Familie gab an, bei ihnen herrsche oft ein konfliktbelastetes und chaotisches Klima.
Fast wie Familie
Vor allem die Trennung von Freunden, das Fehlen des gewohnten Schulalltags und der Mangel an Freizeitaktivitäten machen Kindern und Jugendlichen zu schaffen. Gleichzeitig hat das Münchner Jugendinstitut herausgefunden, dass sich diese Probleme in Familien mit schwieriger finanzieller Lage verschärfen. Wer Geschwister und regelmäßigen Kontakt zu Großeltern und Lehrern hat, kommt mit der Situation besser zurecht.
Als gleichwertigen Ersatz für Geschwister würde Paula ihre Mitbewohner wohl nicht bezeichnen. Trotzdem ist die Gruppe für die 14-Jährige wie eine zweite Familie. „Wir haben zwar alle einen unterschiedlichen Charakter“, meint Paula. Aber das könne in einer richtigen Familie ja auch so sein. „Natürlich mögen sich nicht alle“, meint auch Iris Meier. Die „Versorgungs-Managerin“ hat jedoch festgestellt: „In schwierigen Zeiten halten sie zusammen.“ Und wer besonders viel für die Gemeinschaft tut, kann auf einem so genannten Verstärker-Plan „nette Punkte“ sammeln, die dann gegen kleine Geschenke eingetauscht werden können.
Der bereits mit dem ersten Lockdown verbundene Abstand zu Mitmenschen sowie der Wegfall persönlicher Elternkontakte haben sich laut Padovan auch auf die Gemütslagen einiger Bewohner ausgewirkt. Um den Jugendlichen ein Stück Sicherheit sowie Motivation zu vermitteln, hat das Betreuer-Team eine an die spezielle Situation angepasste Tagesstruktur entwickelt. Diese beginnt mit dem gemeinsamen Frühstück, dem Sauberhalten des Hauses und der gemeinsamen Lernzeit. Nach dem Mittagessen geht es weiter mit Kreativ- und Sportangeboten. Bei einer „Corona-Runde“ gebe es Raum für Diskussionen, Fragen und Informationen, so Padovan. Trotz der herausfordernden Situation zieht der Pädagoge ein positives Fazit: Die Gruppe sei insgesamt stabiler und enger zusammengewachsen, als es in normalen Zeiten möglich gewesen wäre.
Anders als in vielen Familien schiebt das Betreuer-Team (nicht nur in Zeiten der Corona-Pandemie) dem übermäßigen Smartphone-Konsum einen Riegel vor. Dem Einverständnis des Bezugs-Betreuers vorausgesetzt, dürfen die Ab-16-Jährigen ihr Handy auch die ganze Nacht über behalten. Wer 14 oder 15 Jahre alt ist, müsse sich dieses Privileg erst verdienen, erklärt Michael. Ein Mitbewohner empfindet das als „Mobbing“. Michael hingegen weiß, warum für einige der Zugang zum weltweiten Netz strenger reglementiert wird: „Weil das für einige Leute nicht gut ist.“ Mit dem Smartphone halten die Bewohner Kontakt zur Außenwelt. Doch auch die Teenager dürfen unter Einhaltung der Corona-Regeln Freunde besuchen. „Wir dürfen vier Stunden raus“, erklärt Florian. Besonders traurig ist der Elfjährige, weil er zurzeit seine Oma nicht besuchen kann.
Verdachtsfälle
Dass bei zehn Bewohnern und dem entsprechenden Betreuer-Team Corona-Verdachtsfälle nicht ausbleiben, erscheint fast unausweichlich. Die Betroffenen kommen dann in Quarantäne, das heißt, in ein komfortables Gartenhaus, das normalerweise als „Trainingswohnung“ dient. Dort lernen ältere Jugendliche schrittweise, für sich selbst zu sorgen. Bisher haben sich jedoch alle Verdachtsfälle als blinder Alarm erwiesen.
Das Einkaufen für die Gruppe übernimmt in der Regel Iris Meier. Die Bewohner dürfen in Corona-Zeiten nur ausnahmsweise in Geschäfte. Das wiederum bringt Bewohnerin Lydia in die Bredouille. Für die 14-Jährige steht ein Schulwechsel an, jedoch hat sie ihre neuen Klassenkameraden noch nicht kennengelernt. An ihrem ersten Tag will Lydia nicht ungeschminkt vor die neue Klasse treten und braucht geeignete Wimperntusche. Dafür wird sie wohl selbst ins Fachgeschäft dürfen. „Schminke werde ich für die Mädchen nie kaufen“, so die Betreuerin, die weiß, dass sie dabei viel falsch machen kann.
