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Wolfsverdacht in Friesland Bei den Landwirten liegen die Nerven blank

Jörg Stutz

Schenum - „Seit gut einer Woche ist nichts mehr, wie es einmal war.“ Nachdem innerhalb von fünf Tagen auf drei Höfen in Cleverns und umzu vier Jungrinder gerissen worden sind, hat sich das Leben auf dem Hof von Jann Janssen dramatisch verändert. Ein Jungtier in Schenum war das bisher letzte Opfer des Wolfes, der in dem Gebiet westlich des jeverschen Stadtgebietes offensichtlich sein Jagdrevier hat.

Landwirtschaftskammer bestätigt: „Definitiv ein Wolf“

Nachdem Janssen zunächst „emotional ziemlich aufgeladen“ war, geht der Schenumer nun in die Offensive. Gemeinsam mit anderen Landwirten und Jagdpächtern fordert er den jeverschen Rat auf, in Sachen Wolf „Farbe zu bekennen“. „Wir müssen Druck aufbauen, damit die da oben endlich handeln“, sagt Heiko Hildebrandt, Jagdpächter in Sandelermöns. Ein Mitarbeiter der Landwirtschaftskammer hätte bestätigt, dass „definitiv ein Wolf“ für die Risse verantwortlich sei. Die Ergebnisse der DNA-Proben stünden jedoch noch aus.

Rückblick

1. September: Bei einem Kontrollgang findet Landwirt Thomas Folkerts auf seinen Weiden zwischen Sandel und Cleverns zwei gerissene Jungrinder, beide stark angefressen.3. September: Auf einer Weide zwischen Sandelermöns und Sandel wird ein weiteres gerissenes Jungrind entdeckt mit ähnlichen Verletzungen, wie bei den beiden toten Rindern zwei Tage zuvor.5. September: Diesmal traf es einen Betrieb in Schenum. Landwirt Bernd Janssen findet auf einer Weide ein Jungtier mit Kehlbiss. Noch sind zwar nicht alle DNA-Proben ausgewertet, doch die Art der Verletzungen weist darauf hin, dass die Jungrinder von einem männlichen Wolf mit der Wolfsmonitoring-Kennung „GW2888M“ gerissen worden sind.Am gleichen Tag sorgt der Facebook-Post einer Mutter für Aufregung in Cleverns. Demnach hat deren Tochter beim Eichenwall im Clevernser Schulweg einen Wolf gesehen.
8. September:
Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies kündigt an, die Wolfs-Situation in Cleverns und Umgebung genau zu beobachten, gab aber zu bedenken: Die gesichteten Wölfe hätten sich nicht aggressiv verhalten. Zudem sagte der SPD-Minister: „Sollte sich ein Wolf Menschen mehrfach nähern, werden wir umgehend die notwendigen Maßnahmen ergreifen.“

Rückendeckung bekommen Jäger und Bauern von Bürgermeister Jan Edo Albers, der „die Bevölkerung mehrheitlich auf der Seite der Landwirte“ sieht. „Da muss die Bundespolitik was machen“, so Albers, der bei dem Treffen am Dienstag auf dem Janssen-Hof „mehr Handlungsmöglichkeiten“ forderte.

Rechtliche Vorgaben sehr eng gesteckt

Wie Albers erläuterte, entscheidet der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) in Absprache mit dem Umweltministerium des Landes über einen Abschuss. Aber: Die rechtlichen Vorgaben seien „sehr eng gesteckt“.

Neben Albers nahmen an dem Treffen die Landvolkvorsitzenden von Jever und Cleverns-Sandel-Möns, Hilmar Beenken und Bernd Melchers, teil. Mit dabei waren die Jagdpächter in Cleverns-Sandel, Folkert Rieniets und Jan-Bernd Juilfs, sowie in Sandelermöns, Heiko Hildebrandt und Jörg Albers. Das Auftreten des Wolfes im Bereich Cleverns bezeichneten alle Teilnehmer als völlig neue Situation. Kein Wunder: Der letzte Wolf, der durch das Jeverland streifte, war im Jahr 1738 bei Schortens erlegt worden.

Dass ein Wolf für die aktuellen Risse verantwortlich ist, steht nach Ansicht von Fachleuten fest. Ob es sich jeweils um das gleiche Tier handelt, soll eine DNA-Probe klären. Die Jäger vermuten, es handelt sich um ein männliches Tier, das mit dem Fleisch der getöteten Rinder in der Nähe eine Fähe mit ihren Jungtieren versorgt.

Jungrind in Schenum sei „jämmerlich verreckt“

Hart gingen Landwirte und Jäger mit selbst ernannten Wolfsfreunden ins Gericht, die eine Bejagung ablehnen. Sie warfen den Wolfsschützern vor, in Sachen Tierschutz nur an das Raubtier, nicht aber an die verendeten Nutztiere zu denken.

Im Fall des in Schenum getöteten Tieres geht Jörg Albers davon aus, dass das junge Rind nach dem Riss noch etwa eine Stunde gelebt hat. „Es ist jämmerlich verreckt“, sagte Jann Janssen verärgert, der an die Wolfsschützer appelliert, ihren „Verstand einzuschalten“ und sich in die Situation der Nutztierhalter hineinzuversetzen.

Schutzvorkehrungen, wie die Installation von Zäunen, erteilte die Runde eine Absage. „Einen wolfssicheren Zaun gibt es nicht“, so Jörg Albers, der darauf hinwies, dass entsprechende Barrieren auch andere Wildtiere stören. „Schutzzäune gehören nicht in unsere Landschaft“, meinte Jan Edo Albers.

Wolf nicht ausrotten, sondern Bestand regeln

„Wir sind nicht scharf darauf, einen Wolf zu erschießen“, betonte Jan-Bernd Juilfs. „Wir wollen den Wolf nicht ausrotten, sondern den Bestand regeln“, so Jann Janssen. Jagdpächter Folkert Rieniets meinte: In dicht besiedelten Kulturlandschaften wie dem Jeverland hat das Tier nichts zu suchen – und schon gar nicht will er seine Hand dafür ins Feuer legen, dass der „Clevernser Wolf“ nicht auch einen Menschen angreift.

Das Aufstallen der Tiere kommt für die Landwirte aufgrund der Kosten und des Tierwohls nicht in Frage, wobei Jann Janssen sich ärgert: „Die Gesellschaft will Weidehaltung, steht bei der Wolfsproblematik aber nicht hinter den Landwirten.“

Davon abgesehen: Kommen die Rinder im Spätherbst in die Ställe, ist nach Meinung von Hilmar Beenken die Wolfsgefahr nicht gebannt. Weil viele Landwirte mittlerweile sogenannte offene Ställe nutzen, ist sich der jeversche Landvolkvorsitzende sicher: „Die Wölfe werden auch auf die Höfe kommen.“

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