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Ein Leben wie auf einer Achterbahn

04.10.2018

Berlin /Rom Im schummrigen Keller der Ritze war Rocky wieder in seinem Element. Rote Shorts, schwarze Handschuhe, Schweiß und harte Schläge – Graciano Rocchigiani tat, was er am besten konnte. Boxen. Nicht so hart wie in alten Zeiten, doch wie immer sorgte er für eine gute Show.

Im Sommer stieg Rocchigiani für den Dreh eines Musikvideos in der berühmten Boxerkneipe auf der Reeperbahn in den Ring. Rau und anrüchig ist es auf St. Pauli, und vielleicht ließ sich der frühere Weltmeister deshalb darauf ein. Es passte. „Ganz egal, wie hart ich falle, ich stehe immer wieder auf“, heißt es in dem Song, für den Rocchigiani im Sommer vor der Kamera stand. Er hat diese Zeile stets mit Leben gefüllt.

Kritik und Bewunderung

Ungeschliffen war das Leben Rocchigianis, das am Montagabend bei einem Autounfall auf Sizilien nach nur 54 Jahren ein tragisches Ende fand. Ungeschliffen war seine Berliner Schnauze, sein Auftreten. Das brachte ihm Kritik ein, aber auch Bewunderung und Anerkennung.

Er war erfolgreich, 1988 stieg er zum dritten deutschen Boxweltmeister auf. Der Box-Hype nach der Wende war seine Chance. Rocchigiani prägte die Ära in den 90er Jahren mit, er war der krasse Gegenentwurf zum „Gentleman“ Henry Maske.

„Man glaubt es nicht, mir ist ganz schaurig“, sagte Maske im ARD-Magazin Brisant. „Es ist ein unheimlicher Schlag. Ich habe die Nachricht mit Schrecken aufgenommen, Rocky war ein Original“, sagte Trainerlegende Ulli Wegner.

Rocchigiani soll zu Fuß am Rand einer vierspurigen Schnellstraße nahe Catania unterwegs gewesen und um 23.30 Uhr von einem Smart erfasst worden sein. Der Aufprall war laut Polizeibericht so heftig, dass die Windschutzscheibe des Kleinwagens durchschlagen wurde. Rocky war wohl auf der Stelle tot.

Es sei „erschütternd“ und „bewegend“, dass er so habe gehen müssen, sagte Maske mit tränenerstickter Stimme. Zweimal hatte er sich im Ring mit Rocchigiani duelliert, „es waren harte Kämpfe, aber mit ihnen ist der gegenseitige Respekt gewachsen.“ Rocchigiani hatte Maske wie auch später Dariusz Michalczewski am Rande einer Niederlage. Beide Male verlor er umstritten. Die Rückkämpfe gab er klar ab. „Er war immer der harte Hund – und dann so etwas“, sagte Michalczewski.

In geraden Bahnen verlief sein Leben selten. Der Sohn eines sardischen Eisenbiegers scheffelte Millionen, verprasste alles, stürzte ab und lebte lange von Hartz IV. „In der Vergangenheit habe ich mich oft wie auf einer Achterbahn gefühlt. Für kurze Zeit ganz oben, als strahlender Sieger, und plötzlich ganz unten, am Boden zerstört. Einmal fand ich mich im Straßengraben wieder und dreimal auch im Knast“, sagte der Bad Boy mal.

Das Drama seines Lebens wurde deutlich, als Ex-Ehefrau Christine ihre Autobiografie (“K.o. nach zwölf Runden“) vor einigen Jahren veröffentlichte. Drogen, Prostituierte, häusliche Gewalt, Knast, Scheidung – Rocchigiani ließ keinen Skandal aus. Mehrmals musste der Mann aus Berlin-Schöneberg hinter Gitter, u.a. wegen Körperverletzung, Sachbeschädigung oder Fahrens ohne Fahrerlaubnis.

Spektakulärer Prozess

Die Ehefrau war auch dabei, als Rocchigiani einen der spektakulärsten Prozesse in der Geschichte des Profiboxens führte – und gewann. Am 22. März 1998 hatte sich der Rechtsausleger durch einen Sieg gegen den US-Amerikaner Michael Nunn den WM-Titel der WBC im Halbschwergewicht gesichert. Als erster deutscher Boxer wurde er damit zum zweiten Mal in seiner Karriere Champion. Vier Monate später allerdings sorgte das World Boxing Council (WBC) für einen Eklat. Der Verband ernannte Roy Jones (USA) zum neuen Champion. Rocchigiani fühlte sich bestohlen und zog in den USA vor Gericht. Am Ende wurden ihm 31 Millionen Dollar Schadenersatz zugesprochen. Dem WBC drohte der Konkurs, 2004 ging Rocchigiani auf ein Vergleichsangebot ein und bekam 4,5 Millionen Dollar. Es dauerte aber nicht lange, da war auch diese Summe verprasst.

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