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Der vergessene Weltmeister

17.06.2016

Berlin /Hamburg /Oldenburg Er war der erste Weltmeister der Bundesrepublik im Profiboxen – lange vor Henry Maske, der zweite Deutsche überhaupt, und dennoch wurde er nie so populär wie Vorgänger Max Schmeling in den 30ern oder wie Maske in den 90ern. Eckhard Dagge ist heute weitgehend vergessen. Vor 40 Jahren holte der Boxer, der gleichermaßen mit Härte im Ring und flotten Sprüchen außerhalb Furore machte, den WM-Titel im Halbmittelgewicht. Und im Gegensatz zu den Viertel- oder Fünftel-Meistern diverser Verbände heutzutage war Dagge noch ein „echter“ Weltmeister. Damals bestimmten nur zwei Verbände (WBA/WBC) das Geschäft, und die gab es (was oft übersehen wird) schon zu Zeiten von Muhammad Ali.

Spätstarter

Der in Schleswig-Holstein geborene Wahl-Hamburger Dagge war erst mit 20 zum Boxen gekommen und nach einem Streit um den Ort des Ausscheidungskampfes aus Ärger über die Nominierung des späteren Goldmedaillengewinners Dieter Kottysch für die Olympischen Spiele 1972 mit 24 Jahren ins Profilager gewechselt. Dort stellte Fritz Gretzschel, der ehemalige Manager von Box-Legende Bubi Scholz, gerade eine neue Truppe zusammen. Und Dagge legte los wie die Feuerwehr.

Er gewann die ersten sechs Kämpfe vorzeitig, darunter am 30. März 1973 ein Erstrunden-K.o. in der Oldenburger Weser-Ems-Halle gegen Waldi Clere. Im sechsten Kampf wurde Dagge Deutscher Meister im Mittelgewicht, im 18. holte er sich (nach einem vergeblichen Anlauf mit der ersten Niederlage) im Juni 1975 gegen den Spanier Jose Duran durch TKO in der neunten Runde den Europameistertitel im Halbmittelgewicht, heute oft auch Superwelter genannt – das Limit, in dem Jack Culcay boxt. Er verteidigte den Titel einmal, verlor ihn aber im Januar 1976 nach Punkten (über damals noch 15 Runden) gegen den Italo-Amerikaner Vito Antuofermo.

Der Rückschlag war von kurzer Dauer. Dem neuen Management um Pelzhändler Willy Zeller gelang es, WBC- Halbmittelgewichtsweltmeister Elisha Obed von den Bahamas nach Deutschland zu holen. Und in der Berliner Deutschlandhalle gelang Dagge am 17. Juni 1976 die Sensation: Er zermürbte den technisch überlegenen und zuvor in 66 Kämpfen erst einmal besiegten Champion derart, dass der in der zehnten Runde entnervt und erschöpft aufgab. Im Augenblick des Triumphes blieb der neue Weltmeister cool. Als Manager Zeller im Ring die Tränen kamen, sagte Dagge: „Hör auf zu flennen, mach‘ mich zum Millionär.“ Und Kritikern seiner boxerischen Qualität hielt er entgegen, zumindest sei er „im Stehen Weltmeister geworden“, eine Anspielung darauf, dass Schmeling den Titel geholt hatte, weil sein Gegner wegen Tiefschlags disqualifiziert worden war.

Alkoholprobleme

Und Dagge hatte noch einen Spruch drauf; einen, der längst als Klassiker gilt: „Es gibt viele Weltmeister, die Alkoholiker geworden sind, ich bin der einzige Alkoholiker, der Weltmeister geworden ist.“ Viel mehr muss man zu seinem Schicksal nicht sagen. Dagge liebte den Alkohol und die Frauen – eine für Profisportler eher ungünstige Kombination. Dass er nach zwei Verteidigungen (eine mehr als Schmeling) seinen WM-Titel im August 1977 gegen den Italo-Australier Rocky Mattioli durch K.o. in der fünften Runde verlor, lag auch am Leben zwischen den Kämpfen. Comeback-Versuche mit sechs (blutigen) Siegen und einer Niederlage waren weniger erfolgreich. Anfang der 90er Jahre machte Dagge in Hamburg noch mal als Trainer des jungen Dariusz Michalczewski auf sich aufmerksam. Auch das aber scheiterte am Alkohol.

Am 4. April 2006 starb der „Weltmeister zur falschen Zeit“, wie ein Box-Buch mal getitelt hat, mit 58 Jahren in einem Hospiz auf St. Pauli an Krebs. Im Ring war der Mann, mit dessen Mut und Härte einer wie Axel Schulz Weltmeister geworden und jahrelang geblieben wäre, keinem Gegner aus dem Weg gegangen. Den Kampf gegen sich selbst aber hat Eckhard Dagge verloren.

Michael Exner Autor
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