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Mma-Szene Kampf gegen die Klischees

Robert Otto

Bremerhaven/Bremen - Zwei Schritte nach vorne, ein Griff um die Hüfte – zwei Körper mit insgesamt 166 Kilogramm knallen dumpf auf den Ringboden. Drei Schläge in Richtung Kopf, dann wirft sich der Ringrichter dazwischen. Eigentlich sollte Maurice van Waeyenberghe dreimal fünf Minuten gegen Philipp Henze kämpfen, doch nach 52 Sekunden ist alles vorbei. Für einen endet der Abend bei der MMA-Veranstaltung „No Compromises 3“ im Bremer Pier 2 in den Armen des Trainers. Für den anderen mit heftigen Kopfschmerzen.

Wie eine Welle sind die gemischten Kampfkünste – auf Englisch Mixed Martial Arts, kurz: MMA – seit Anfang der Neunziger aus den USA nach Europa geschwappt. In Nord- und Südamerika hat der Sport dem Boxen bereits den Rang abgelaufen. Die Idee, Kämpfer aus unterschiedlichen Disziplinen gegeneinander antreten zu lassen, ist nicht neu: Die Ursprünge reichen zurück bis zu den Olympischen Spielen der Antike.

In Deutschland aber gibt es sogar ein TV-Sendeverbot für Veranstaltungen des amerikanischen Marktführers UFC. Zu brutal und blutig wirkt der Sport, bei dem getreten, geschlagen, gerungen und geworfen werden darf – anders als bei klassischen Kampfsportarten auch am Boden.

Brutal und blutig

Maurice van Waeyenberghe wuchs in Grüppenbühren (Gemeinde Ganderkesee) auf, heute lebt er in Bremerhaven. Der 27-Jährige gilt als einer der besten deutschen Mittelgewichts-Profis in dem Sport, der immer noch mit einem schlechten Image kämpft. 13-mal hat er seit 2008 gekämpft, neunmal gewann er. „Vor meinem ersten Kampf hatte ich richtig Angst und bin ziemlich verdroschen worden“, sagt er. Trotzdem siegte van Waeyenberghe.

Der 27-Jährige ist ein ruhiger Mensch, Gewalt lehne er ab, sagt er. Jedenfalls außerhalb von Ring oder Käfig, in dem MMA-Kämpfe meistens stattfinden. Warum er trotzdem kämpft? „Warum boxen Boxer, und warum laufen Läufer? Man bekommt das Kämpfen nicht aus den Menschen“, antwortet van Waeyenberghe. Er mag die Vielfalt. Die Möglichkeiten, einen Kampf zu beenden, sind schier endlos – MMA sei für Taktiker, nicht für Dummköpfe.

Trotzdem: Er kann verstehen, dass Leute es nicht sehen mögen, wenn er auf seinen Gegner einschlägt. „Viele sehen in uns nur Schläger, keine Sportler“, sagt van Waeyenberghe. Dass die teils brutalen Bilder Jugendliche negativ beeinflussen könnten, glaubt er nicht: „Es ist leicht, einen Sündenbock für eigene Erziehungsfehler zu suchen.Früher waren das Computerspiele, heute MMA.

Seit drei Tagen hat er nichts gegessen, nur Flüssiges zu sich genommen, um nicht mehr als die geforderten 84 Kilo für den Mittelgewichtskampf auf die Waage zu bringen. Abnehmen ist hart, wenn man kaum Fett am Körper hat. Sechs Wochen hat sich der 27-Jährige gezielt auf den Kampf vorbereitet.

Vier Tage vor dem Sieg gegen Philipp Henze liegt Maurice van Waeyenberghe selbst auf dem Boden – Abschlusstraining, Thai-Boxen in der „Fight Fabrik“ in Bremerhaven. Blut tropft aus seiner Nase auf die Matten. „Ich kann nicht mehr“, keucht er.

20 Minuten später kann Maurice van Waeyenberghe wieder lachen. Frisch geduscht und im Blaumann lässt er sich auf ein Ledersofa neben einem Kühlschrank voll bunter Energy-Drinks fallen. In zwei Stunden arbeitet er im Hafen. Eigentlich ist der 27-Jährige gelernter Einzelhandelskaufmann – „Fachrichtung Kaffee, Tee, Kakao und Tiefkühlkost“, sagt er und lacht wieder. Maurice van Waeyenberghe lacht viel.

Nach der Ausbildung machte er sich mit einer Sicherheitsfirma selbstständig. Irgendwann hatte er keine Lust mehr, nachts vor Discos zu stehen. „An der Tür und auf der Straße habe ich so viele Schlägereien gesehen. Die laufen nie fair ab“, sagt er.

Bevor Maurice van Waeyenberghe als Kind nach Bremerhaven kam, lebte er in Grüppenbühren (Gemeinde Ganderkesee).Seine Sport-Karriere begann praktisch auf der Straße. Mit 15 wurde er in Bremerhaven ausgeraubt. Der Vater eines Freundes schickte ihn daraufhin zum Judo. Sein eigener Vater war erst skeptisch, heute schaut er sich die Kämpfe live an. Nach dem Sieg in Bremen nimmt er seinen Jungen erleichtert in den Arm. Van Waeyenberghes Mutter mag MMA immer noch nicht. „Beschützerinstinkt“, meint der Sohn.

Zum Duell mit Philipp Henze im Pier 2 sind neben van Waeyenberghes Vater etwa 1400 Menschen gekommen, um mehr als ein Dutzend Kämpfe zu sehen. Typischerweise finden die in einem sechseckigen Käfig statt. Auch ein Grund, warum der Sport in der Schmuddelecke steckt. In der kargen Halle am Bremer Hafen steht kein Käfig, sondern ein Boxring, etwas größer als fünf Quadratmeter. „Den kennen die Leute“, sagt Andy Voss, Trainer von van Waeyenberghe: „Davor haben sie keine Angst.“ Vor dem Käfig schon.

Dabei dient der als Schutz. „Beim Ringen kann es passieren, dass man durch die Seile fällt. Dann geht’s über einen Meter nach unten“, erklärt van Waeyenberghe. Nicht selten spielt sich MMA auf dem Boden ab, nicht selten werden dort die Kämpfe durch Griffe entschieden.

Dem Fernsehausschuss der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien war der Sport im März 2010 zu brutal. Er verbot dem Sender DSF MMA im Fernsehen zu zeigen. „Die Massivität der gezeigten Gewalt“ sei nicht akzeptabel, hieß es in der Begründung: Die „Tabubrüche“ widersprächen dem Leitbild eines öffentlich-rechtlich getragenen Rundfunks nach Artikel 111a der Bayerischen Verfassung. In dem steht unter anderem das Verbot der Verherrlichung von Gewalt – Absatz 1, Satz 6.

Auch wenn am Boden weiter geschlagen werden darf: Kopftreffer sind seltener als beim Boxen. Dort kassieren die Kämpfer nicht nur im Wettkampf viele Fäuste, auch im Training wird hart geschlagen. „Ich muss beim MMA nicht zwangsläufig den Kopf treffen“, sagt van Waeyenberghe. Zudem werden die Kämpfer durch den Ringrichter geschützt – kann einer sich nicht mehr verteidigen oder gibt durch Abschlagen auf, ist der Kampf sofort beendet.

Freund und Gegner

Die John-Hopkins-Universität in Baltimore hat 2008 eine Studie zu dem Thema veröffentlicht. Das Ergebnis: Das Verletzungsrisiko beim professionellen MMA ist nicht höher als bei anderen Kampfsportarten. Das Gesamtrisiko für gefährliche Verletzungen sei sogar vergleichsweise gering. Zum K.o. komm es deutlich seltener als beim Boxen.

„In den zehn Jahren, die ich MMA mache, war die schlimmste Verletzung ein gebrochener Zeh. Ich glaube Fußballer verletzen sich öfter“, sagt van Waeyenberghe und grinst. Untereinander pflegen die meisten Kämpfer einen respektvollen Umgang. Man kennt sich. Auch im Pier 2. Herzlich begrüßt van Waeyenberghe Kollegen aus Hamburg, Essen oder Bremen. Die Sportler kommen aus allen Bildungsschichten und aus aller Herren Länder.

Im August kämpft Maurice van Waeyenberghe gegen Abeku Afful aus Hamburg, der zum Zuschauen nach Bremen gekommen ist. „Eigentlich sind wir Freunde“, sagt van Waeyenberghe noch im Ring und muss grinsen, bevor er seinen künftigen Gegner in den Arm nimmt.

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