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Radsport: Corona-Angst begleitet Tour

29.08.2020

Nizza Der Lärm kam aus den Boxen, die wenigen Gäste auf der viel zu groß wirkenden Place Masséna wurden mit Plastik-Klatschhänden ausgestattet. Die große Fete als Ouvertüre zur 107. Tour de France fand in kleinem Rahmen statt. Nachdem im Vorjahr mehr als 75 000 Fans in Brüssel die Fahrer bejubelten, verloren sich diesmal weniger als die erlaubten 1000 Zuschauer vor der großen Bühne in Nizza.

Start in „Roter Zone“

Aus gutem Grund. Die Region an der Côte d’Azur ist seit Donnerstag wegen stark ansteigender Corona-Infektionszahlen zur „Roten Zone“ erklärt worden – wie 20 weitere Départements der Grande Nation auch. Maskenpflicht ist im Freien oberstes Gebot.

Zumindest für die ersten beiden Tage wurden die Maßnahmen zudem verschärft. Statt der maximal 5000 Zuschauer im Start- und Zielbereich sollen nur noch einige Dutzend Personen erlaubt sein. Also ein Tour-Start „fast hinter verschlossenen Türen“, wie es Bernard Gonzalez als Präfekt der Alpes-Maritimes-Region ankündigte. Auch der Zugang zu den Bergen wird stark limitiert: „Wenn ich den Zuschauern einen Rat geben kann: Schauen sie sich die Anstiege im Fernsehen an.“

Die 176 Fahrer werden auf eine Reise ins Ungewisse geschickt. Ob die Tour tatsächlich nach 3484,2 Kilometern die Hauptstadt Paris – für die es laut Robert-Koch-Institut eine Reisewarnung gibt – erreichen wird, ist fraglich.

Positive Tests

Denn das Virus macht keinen Umweg um die Teams. Am Donnerstag gab es beim belgischen Rennstall Lotto-Soudal zwei „nicht-negative“ Fälle, was auch eine schöne Umschreibung ist. Die zwei Betreuer wurden wie ihre zwei Zimmerkollegen nach Hause geschickt. Es bleibt zu befürchten, dass es nicht die letzten Fälle sind. Ein Ausschluss des Teams um die beiden deutschen Fahrer John Degenkolb und Roger Kluge stand aber nicht zur Debatte, weil kurzfristig das Reglement abgemildert wurde. Nur noch bei mindestens zwei positiven Corona-Tests von Fahrern einer Mannschaft in einem Zeitraum von sieben Tagen wird der gesamte Rennstall ausgeschlossen. Damit zählt nicht mehr das direkte Umfeld wie Physiotherapeuten, Busfahrer oder Team-Offizielle dazu.

Strenge Maßnahmen

Die Fahrer werden zweimal vor dem Tour-Beginn sowie an den beiden Ruhetagen auf das Coronavirus getestet. Bei einem Positivtest erfolgt der sofortige Ausschluss. Zudem umfasst der Begleit-Tross (Organisation, Helfer, Medien, Sponsoren) nur 3000 statt 5000 Personen. Alle müssen einen negativen Test vorweisen und dürfen nicht in direkten Kontakt zur ersten Blase, den Fahrern, treten. Die übliche Zeremonie mit Küsschen von den Hostessen wird es nicht geben. Die Fahrer kommen bereits mit ihren Trikots auf das Podest, sollen Masken tragen und Abstand halten.

Die Favoriten

Sportlich steht aus deutscher Sicht Emanuel Buchmann im Blickpunkt. Für Bora-hansgrohe Teamchef Ralph Denk wäre eine vordere Platzierung des Kletterspezialisten nach dem Sturz bei der Dauphiné-Rundfahrt wie „ein Sechser im Lotto“, doch der Vorjahresvierte will sich von seinen Zielen nicht verabschieden: „Mein Ziel ist nach wie vor das Podium. Aber es gibt ein paar Fragezeichen.“

Top-Favoriten sind aber Vorjahressieger Egan Bernal aus Kolumbien und Vuelta-Champion Primoz Roglic. Der Titelverteidiger hat bereits die Favoritenrolle dem Ex-Skispringer aus Slowenien zugeschoben. „Er war bei den letzten Rennen der Stärkste. Er ist geflogen“, sagt Bernal.

Die Franzosen hoffen auf Thibaut Pinot. Für ihn wäre im vergangenen Jahr der Tour-Sieg schon drin gewesen, hätte ihn nicht ein Muskelfaserriss zur Aufgabe gezwungen.

Die Strecke

Die Strecke kommt den Bergspezialisten entgegen. Schon am zweiten Tag geht es ins Hochgebirge. Danach warten noch vier Bergankünfte. Die Entscheidung dürfte am vorletzten Tag beim Bergzeitfahren in La Planche des Belles Filles fallen – wenn es die Tour bis dahin schafft.

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