Was wird aus der Führungsmacht Amerika? Als 1991 die Sowjetunion aus der Weltgeschichte verschwand, waren die Vereinigten Staaten zur einzigen Weltmacht geworden und auf dem Gipfel ihrer Macht angelangt. Das traf nicht nur für ihre militärische Potenz zu. Es galt mehr noch für ihre moralische Autorität als Rechtsstaat und Demokratie.

Präsident Bush sen. war in der Lage, Gorbatschows Sowjetunion für Deutschlands Wiedervereinigung zu gewinnen – trotz Englands und Frankreichs Widerstand. London und Paris mussten hinnehmen, dass sie übergangen und die Bundesrepublik von Bush zur „partnership in leadership“, also zur gemeinsamen Führung, aufgefordert wurde. Amerikas Einfluss war auf dem Höhepunkt angelangt.

Gleichzeitig setzte aber eine Entwicklung ein, die Amerika in eine bis heute währende Krise führte. Die Besetzung Kuwaits durch den Irak verstrickte Amerika 1991 militärisch in der islamischen Welt. Bush war klug genug, sich auf Kuwait zu beschränken und auf die Eroberung des Irak zu verzichten. Seine Zurückhaltung konnte jedoch die Ausweitung der Konflikte in und mit der islamischen Welt nicht dauerhaft verhindern. Sie bestimmten die Präsidentschaft seines Sohns, Bush junior.

Noch vor den Terrorangriffen auf New York und Washington vom 11. September 2001 durch Bin Laden und Al-Kaida, die die Invasion Afghanistans auslösten, befahl Bush, einen zweiten Krieg gegen Irak vorzubereiten. Anders als sein Vater griff er ohne ein UN-Mandat an. Damit nahm er in Kauf, das UN-Verbot von Angriffskriegen zu brechen. Auch erwies sich seine Begründung als falsch, er habe angegriffen, weil der Irak über Massenvernichtungswaffen verfüge. Die US-Armee verließ 2011 das Land. Der Bürgerkrieg, der der Besetzung des Irak folgte, aber geht bis heute weiter; ebenso wie der Krieg in Afghanistan. Mit der Befriedung und politischen Stabilisierung scheiterte Amerika in beiden Ländern.

Beide Konflikte haben Washington aber nicht nur die Grenzen seiner politischen Möglichkeiten gezeigt. Sie haben das Land auch in seiner Kultur und seinem Rechtsverständnis tief verändert. Dass es das internationale Völkerrecht der Vereinten Nationen bricht, war lange ebenso unvorstellbar, wie eine Verletzung der Menschenrechte.

Im viel geschmähten Preußen war die Abschaffung der Folter eine der ersten Maßnahmen, die Friedrich der Große 1740 bei seinem Regierungsantritt ergriff. In Amerika aber gehört „waterboarding“ seit Afghanistan zur „Rechtspflege“, ebenso wie andere Folterungen und die jedem Recht hohnsprechende Inhaftierung von islamischen Gefangenen in Guantanamo, obwohl sie nie von einem Gericht verurteilt wurden. Nun beschäftigen uns ein möglicher US-Angriff auf Syrien, wieder ohne UN-Mandat und die Erkenntnis, dass US-Geheimdienste gegen jedes Recht auch uns, die Verbündeten, ausspionieren.

All das ist deprimierend, denn es verdunkelt das Bild Amerikas. Seinen Verbündeten aber stellt sich die Frage: Was wird aus uns, der westlichen Wertegemeinschaft, wenn die Führungsmacht, gegen die gemeinsamen Werte verstößt?