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27.09.2017

In den vergangenen Wochen habe ich häufig mit Verwandten und Bekannten über Politik diskutiert. Die meisten von ihnen sind Arbeiter und Handwerker, sie wohnen auf dem Land und sind katholisch erzogen worden, man könnte sagen: Es sind ganz normale Leute. Die meisten von ihnen sind unzufrieden mit Deutschland. Womöglich haben einige von ihnen am Sonntag die AfD gewählt.

Dazu muss ich sagen: Ich finde das falsch. Ich halte die Partei für rechtsradikal, in weiten Teilen für rassistisch und für revisionistisch. Eine solche Partei heilt keine Unzufriedenheit, sie vergrößert sie; davon bin ich überzeugt.

Ich habe aber verstanden, warum diese Bekannten unzufrieden sind. Seit Jahren sehen sie dabei zu, wie vertraute Pfeiler ihres Alltags wegbröckeln: Tarifverträge, Krankenkassenleistungen, die sichere Rente. Einige von ihnen sehen ihre Jobs konkret bedroht: künftig durch Digitalisierung und Automatisierung, aktuell durch die Globalisierung.

Einer meiner Bekannten arbeitet in der Fleischbranche, er hat den Beruf gelernt. Um ihn herum besetzen Menschen aus anderen Ländern die Jobs, die oft nicht seine Sprache sprechen und die für weniger Geld arbeiten als er.

Er und die meisten anderen Bekannten verdienen ebenfalls keine Reichtümer, sie haben es aber zu einem gewissen Wohlstand gebracht. Sie haben ein Haus gebaut, sie haben Autos gekauft, sie fahren in den Urlaub. Dafür arbeiten und sparen sie, häufig seit sie 15 Jahre alt sind. Für ihr Haus zahlen sie Kredite ab, die bis zu ihrem Renteneintritt laufen (wann wird das eigentlich sein?).

Keiner meiner Gesprächspartner hat jemals Geld vom Staat bekommen. Sie lehnen es ab, Leistungen ohne Gegenleistungen zu beziehen. Zulassen würden sie das nur im Notfall, bei krankheitsbedingter Arbeitsunfähigkeit zum Beispiel. Für solche Notfälle zahlen sie seit Jahren in die Sozialkassen ein. Eine dieser Kassen war die Arbeitslosenversicherung, sie ist sozusagen verschwunden.

Dann kamen die Flüchtlinge nach Deutschland. Menschen, die Leistungen beziehen, ohne dafür zu arbeiten. Familien, denen Deutschland fertig eingerichtete Häuser bereitstellt. Für viele Bekannte fühlt sich das falsch an. Das Gefühl, das sie dabei haben, ist nicht Fremdenhass. Es ist: Ungerechtigkeit.

Einer meiner Bekannten hat selbst ein Haus an syrische Flüchtlinge vermietet. Er sagt, so wisse er, dass die Mietzahlungen sicher seien. Er sagt auch, dass er „seine“ Syrer für nette Leute halte.

Das Haus steht direkt neben seinem eigenen Haus. Jetzt sieht er jeden Tag, wie sich „seine“ Syrer anders verhalten als er. Sie haben einen anderen Tagesrhythmus (weil sie nicht arbeiten). Sie jäten nicht das Unkraut im Vorgarten. Sie stellen alle ihre Schuhe draußen vor die Tür, da stehen Dutzende. Mein Bekannter sagt: Vielleicht bin ich spießig, aber das stört mich. Er sagt es den Syrern nicht. Aber er vermisst die Ordnung, die er kannte. Früher wohnten seine Eltern in dem Haus.

Vielleicht kann man es so sagen: Die Bekannten, mit denen ich sprach, haben das Gefühl, dass sie ihren Halt in Deutschland verlieren. Sie haben das Gefühl, dass die Eliten in Politik und Medien sie nicht verstehen. Ehe für alle? Parteien und Presse schienen sich einig: richtig so! Das mag es sein – es widerspricht aber allem, was meine Bekannten in ihrer Jugend gehört hatten.

Was ich von meinen Bekannten höre, ist: Wut. Über die Arroganz der Eliten, über ihre Weltferne. Gut beobachten ließ sich das bei der Dieselkrise. Politik und Presse kommentierten das zumeist aus einer Großstadtperspektive, sie stellten den Diesel, den Verbrennungsmotor insgesamt zur Disposition. Man solle E-Autos kaufen, Busse nutzen, der niedersächsische Umweltminister schlug ernsthaft vor: mehr Fahrrad fahren.

Meine Bekannten auf dem Land fahren fast alle Diesel. Sie fühlen sich nicht nur betrogen, weil ihr Dieselvertrag mit dem Staat einseitig aufgekündigt wird. Sie fühlen sich nicht ernstgenommen: Sollen sie 50, 60 Kilometer Arbeitsweg mit dem Fahrrad bewältigen? Viele von ihnen sind als Handwerker mit Anhängern unterwegs. Sollen sie die mit einem Batterie-Auto ziehen?

Ich weiß nicht, ob von meinen Bekannten tatsächlich jemand AfD gewählt hat. Sie würden es mir nicht sagen, vermutlich halten sie mich für einen Teil der Eliten, die sie nicht verstehen. Ich habe aber das hier verstanden: Künftig muss ich besser zuhören. Die Politik sollte es auch tun.

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