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28.07.2017
NWZonline.de NWZonline 2017-07-28T12:01:10Z 280 158

Analyse:
In brauner Gesellschaft

Die Geschichte klingt fast zu absurd, um wahr zu sein: Rechtsextreme chartern ein Schiff, um unter dem Motto „Defend Europe“ („Verteidigt Europa“) die Seenot-Rettungseinsätze im Mittelmeer zu behindern – und ihr Kapitän wird auf Zypern festgenommen. Der Vorfall ist bestätigt, die Pointe aber liefert die „taz“ unter Berufung auf die lokale Polizei : Der Vorwurf gegen den Kapitän laute Schlepperei. Asiatische Mitglieder der Crew hätten Asyl auf Zypern beantragt.

Die „Mission“ könne trotzdem nicht aufgehalten werden, ließ die „Identitäre Bewegung“ wissen, deren Mitglieder aus Frankreich, Deutschland und Österreich für „Defend Europe“ knapp 125 000 Euro gesammelt hatten. Doch was steckt eigentlich hinter der „Mission“? Für Linken-Innenexpertin Ulla Jelpke nur „ein neuer Versuch von braunen Menschenfeinden, in die Schlagzeilen zu kommen“. Und darin haben die „Identitären“ Erfahrung – sie leben praktisch davon. Vor einem Jahr kletterten sie auf das Brandenburger Tor, im Mai dieses Jahres versuchten sie das Bundesjustizministerium zu stürmen.

Die „Identitären“ wenden sich gegen „Multikulti-Wahn“, „unkontrollierte Massenzuwanderung“ und den „Verlust der eigenen Identität“, gegen den „großen Austausch“. Sie sehen sich als Verteidiger Europas. Ihren Weg nach Deutschland fand die ursprünglich französische Bewegung 2012, anfangs als bloßes Internet-Phänomen. Seit 2016 hat der Verfassungsschutz die Jungfaschisten im Visier, da sie „Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung“ erkennen ließen.

Die „Identitäre Bewegung“ inszeniert sich jung, modern, poppig – und bedient sich dabei großzügig an linksautonomen Aktionsformen, Antifa-Ästhetik und linkem Habitus. Ähnlich versuchten es auch schon die „Autonomen Nationalisten“, die auf Demos einen „Schwarzen Block“ formierten.

Das Bild, das viele von Rechtsextremen haben, ist längst überholt – plumpe Hakenkreuz-Symbolik war gestern, zumindest in der „Neuen Rechten“. Denn natürlich gibt es sie noch immer: die Stiernacken mit SS-Tattoos und Runen auf den T-Shirts. Zuletzt marschierten sie zu Tausenden in Themar in Thüringen auf, um zu Musik von „Stahlgewitter“ und „Sleipnir“ den rechten Arm zu heben und „Sieg Heil“ zu grölen. Die Ideologie der „Identitären“ aber ist subtiler.

Der diffuse Germanenkult und die Landserromantik, die die Neonaziszene durchziehen, sind bei den „Identitären“ nicht substanziell. Stattdessen pinseln sie ihren Rassismus pseudointellektuell an und berufen sich auf Ernst Jünger und Friedrich Nietzsche. Bezugspunkt ist auch nicht das Dritte Reich, sie setzen früher an. Ihr Logo ist ein gelb-schwarzes Lambda, das auf den Schilden der spartanischen Hopliten prangte, die der Überlieferung zufolge 480 v. Chr. die Perser aufhielten. Dabei spielt die Geschichte bei den „Identitären“ eine bedeutend kleinere Rolle als Hollywood. Ihr Spartiaten-Bezug speist sich aus der martialischen Comic-Verfilmung „300“, der auch ihr Schlachtruf „Ahu“ entstammt.

Der Verfassungsschutz bezifferte die Zahl der „Identitären“ 2016 bundesweit auf 300, Experten schätzen sie auf 400. In Niedersachsen gab es demnach 50 „Identitäre“. Bei mehr als 23 000 Rechtsextremen bundes- und rund 1300 landesweit eine eher kleine Zahl. Doch der Part, den die Bewegung in der rechten Szene spielt, ist nicht unbedeutend. Der Soziologe Alexander Häusler sagte unlängst im Interview mit der „Welt“, die Ideologie der „Identitären“ sei salonfähiger als der klassische Rassismus, selbst sieht man sich ohnehin eher „konservativ“. Die AfD vertritt ähnliche Thesen, Pegida und Co. sowieso.

Wichtigste Denkfabrik der „Neuen Rechten“ ist das Institut für Staatspolitik (IfS) in Sachsen-Anhalt. Dessen Gründer Götz Kubitschek gilt als eine der zentralen Figuren und Vordenker der „Identitären Bewegung“ – und als gut vernetzt mit anderen rechten Publizisten wie Jürgen Elsässer und Politikern der AfD.

Im November 2015 sprach etwa Björn Höcke, AfD-Fraktionsvorsitzender im Thüringer Landtag, bei einer IfS-Veranstaltung über die „Reproduktionsstrategien“ eines „afrikanischen Ausbreitungstyps“. Der Extremismus-Forscher Steffen Kailitz warf Höcke damals im „Tagesspiegel“ vor, er wolle „seine völkische Deutung schleichend als normal etablieren“. Das ist ganz auf Linie der „Identitären Bewegung“ – und nicht weit weg von der NPD. Denn obwohl die Hülle eine andere ist, die Symbolik ausgetauscht wurde – im Kern bleiben auch die „Identitären“ bloß Faschisten.