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NWZonline.de Nachrichten Politik Kommentare & Meinungen Meinung

Unfassbar

29.08.2017

Unfassbar ist die Zahl der Högel-Morde, die die Soko „Kardio“ aufgedeckt hat. Überraschend ist sie indes nicht (mehr): Bereits im ersten Högel-Prozess 2006 um den Tod von Dieter M. auf der Intensivstation im Klinikum Delmenhorst zeichnete sich schnell ab, dass der Ex-Krankenpfleger sehr viel mehr Patienten auf dem Gewissen haben könnte. Und spätestens 2014/15, als Högel wegen fünf weiterer Taten erneut vor Gericht stand, wurde deutlich, dass die Zahl seiner Opfer sogar dreistellig sein könnte.

Die Ermittlungsergebnisse im Fall Niels Högel sind aber nicht nur ein Dokument des Grauens. Sie dokumentieren auch, wie vorbildlich unser Rechtssystem sein kann: Unaufgeregt hat die Soko „Kardio“ in fast dreijähriger Ermittlungsarbeit den Fall aufgerollt. Es war keine Gefahr in Verzug, es galt keinen Mörder zu fassen; Niels Högel saß ja bereits hinter Gittern, als die Soko ihre Arbeit aufnahm. Es ging nicht einmal darum, den Mörder seiner gerechten Strafe zuzuführen; Högel ist bereits zu lebenslanger Haft verurteilt, mehr geht nicht. Nein, es ging allein darum, den Angehörigen von Opfern Antworten zu geben. Dass dafür keine Kosten und Mühen gescheut werden, stärkt mein Vertrauen in unsere Institutionen.

Leider dokumentieren die Ermittlungsergebnisse im Fall Högel gleichzeitig das Versagen von Institutionen.

Zunächst sind da die Kliniken: In beiden Häusern kam frühzeitig Verdacht auf gegen Högel, gehandelt hat niemand. Aus mangelnder Zivilcourage? Angst vor Vorgesetzten? Sorge um den Ruf der Klinik?

Und dann sind da die Versäumnisse der Staatsanwaltschaft. Als die Polizei früh die Ermittlungen ausweiten wollte, trat die Staatsanwaltschaft auf die Bremse. Und nicht nur das: Laufende Verfahren wurden verschleppt, erst 2015 wurde Högel verurteilt für Taten, die er vor 2005 begangen hatte und die 2009 polizeilich aufgearbeitet waren. War das menschliches Versagen? Stimmten Behördenabläufe nicht? Haben Kontrollinstanzen nicht funktioniert?

Überzeugende Antworten fehlen bis heute, von der Justiz und von den Kliniken. Auch das ist: unfassbar.


Den Autor erreichen Sie unter 
Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2020

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