Oldenburg - Was für ein glücklich machender Traum! Man wähnt sich liegend auf einer Blumenwiese und erfreut sich am Blick in einen tiefblauen Himmel. Dorthin kann man sich im 3. Oldenburger Sinfoniekonzert wirklich versetzen. In der 1901 komponierten 4. Sinfonie G-Dur von Gustav Mahler, in vier Sätzen, die ein oder mehr Märchen erzählen. Doch naiven Empfindungen haben in der Weser-Ems-Halle das Staatsorchester und Dirigent Vito Cristofaro heftig misstraut. Mit eindringlichen Argumenten.

Je länger man vom traumhaft schönen Thema des langsamen Satzes aus das Blau in Augenschein nimmt, desto mehr trübt es sich ein. Es bestätigen sich die Ahnungen aus den ersten beiden Sätzen. Nichts von Idylle, nichts von naiver Märchenerzählung, nichts von Schlendern durch eine gute alte Zeit. Vom Schellengeläut des Eingangs an hat der Komponist eine Narrenkappe auf. Er predigt nach vorn heraus mit Charme – und lässt die Zuhörerschaft die dunklen Seiten des Märchens, von böser Grellheit, von Sarkasmus, von Rissen, Konflikten, von Trauer selbst aufdecken.

Kapellmeister Cristofaro gelingt in der Darstellung dieser vordergründig zauberhaften, innerlich aber kaum zu greifenden Stimmungslagen eine Stunde lang ein Meisterstück. Er formt die Musik unaufdringlich nachdrücklich, lässt sie durchsichtig, lässt sie schnarren und schnurren. Sie bleibt ebenso lichtdurchflutet wie gewittrig aufgeladen.

Cristofaro gelingt es großartig, dieser hintergründig so kompliziert verschraubten Musik ihren natürlichen Fluss zu lassen. Er wählt sehr ruhige Tempi, wagt sich im „Ruhevoll“ des dritten Satzes sogar bis an die Gefahrengrenze; aber das Poco adagio gerinnt nur einmal kurz.

Vollends dann Martha Easons Sopran im Finalsatz. Sie singt von den „himmlischen Freuden“, mit der „kein Musik ja nicht auf Erden verglichen werden“ kann. Doch sie erzählt das Märchen klug drei Strophen lang nicht kindlich einfältig. Sie wischt nicht weg, dass im Zauber immer dunkle Episoden lauern. Aber im Schlussrefrain zieht sie ihr Fazit mit herzlicher Wärme, mit betörender Süße: Menschen brauchen den Zauber des Märchens!

Das Staatsorchester wirkt auch mit neun Mitgliedern der Orchesterakademie und Bremer Gästen sehr homogen im Voll-, Einzel und Feinklang und den Soli, genießt oft die eigene Spielfreude. Im ersten Teil ist das der sinfonischen Ouvertüre op. 13 „Sursum Corda“ von Erich Wolfgang Korngold ebenso gut bekommen wie der Tondichtung „Fontane di Roma“ von Ottorino Respighi. Mag Bombast manchmal musikalische Entwicklungen zudecken, Dirigent und Orchester entwickeln trefflichen Sinn für die Gestaltung und das schillernde Kolorit dieser Gemälde. Hochachtung!