Bremen - Bei Ravel geht die Musik kaputt. So zumindest klingt das Ende seines Orchesterwerkes „La Valse“. Die Walzerseligkeit, die Maurice Ravel am Anfang noch hören lässt, war da längst durch Misstöne durchbrochen worden. „La Valse“ lässt sich auch als in impressionistische Farben getauchten Abgesang auf die überkommene bürgerliche Gesellschaft Anfang des 20. Jahrhunderts verstehen, die schließlich in der Katastrophe des Weltkrieges endete.
Noch immer aktuell
Dass Ravels Musik ihre Aktualität nicht verloren hat, vermittelte das Bergen Philharmonic Orchestra eindrücklich. In der Bremer Glocke startete das Orchester mit seinem Dirigent Edward Gardner in das 33. Musikfest Bremen – als ein Teil der „Großen Nachtmusik“, dem traditionellen Eröffnungsabend. Rund um Dom, Schütting und Rathaus, an inzwischen neun Spielstätten und in drei Zeitschienen, begann Bremens historisches Zentrum zu klingen.
Dabei war die Vielfalt maximal: Im Dom spielte die hochmögende Niederländische Bachvereinigung Carl Philipp Emanuel Bachs Magnificat, während Vater Bachs Werke nebenan vom Capricornus Consort Basel musiziert wurden. Jazz, Vokales und Kammermusik gehörten ebenso dazu wie die junge britische Songwriterin Rosie Frater-Taylor, die unter freiem Himmel ihre Klanggeschichten erzählte.
Das Niveau an diesem zauberhaft warmen und klangerfüllten Sommerabend war hoch. So bewiesen die Philharmoniker aus Bergen, dass Ravels „Valse“ auch ein Showstück für Orchestertechnik ist: Prägnante Bläser, große dynamische Kontraste und mannigfaltiger, bisweilen saftiger Orchesterklang zeugten von den Qualitäten der Norweger.
In Edvard Griegs Klavierkonzert zeigten sie sich zudem als selbstbewusste Begleiter des jungen isländischen Starpianisten Víkingur Ólafsson. Der hat seinen Grieg auf große Klarheit getrimmt: Eher zurückhaltende Tempi kombinierte er mit einem gläsernen und ganz feinen Anschlag, ohne dabei den Sinn für Sanglichkeit und den Fokus auf die Details zu verlieren. Das ist modernes Klavierspiel auf sehr hohem Niveau, vom Publikum mit Ovationen gefeiert.
Filigraner Touch
Um Feinheiten ging es auch in der Oberen Rathaushalle. Dort musizierte die aus Musikern des Amsterdamer Concertgebouw Orchestra bestehende Camerata RCO Brahms‘ Serenade Nr. 1 in rekonstruierter Urfassung. Die sonst als Orchesterwerk musizierte Serenade bekommt in der Version als Nonett einen zauberhaft filigranen Touch. Das Schwärmerische in der Musik des jungen Brahms ließen die perfekt musizierenden Amsterdamer Musiker grandios nachempfinden.
Zwischen all der musikalischen Vielfalt blieb den Besuchern Zeit, die kunstvoll illuminierte Innenstadt zu genießen. Bis tief hinein in die Nacht war Bremens gute Stube belebt. Vielleicht noch ein letztes Getränk vor dem Dom?
Das Musikfest Bremen läuft noch bis zum 10. September mit vielen Spielorten im Nordwesten. Programm und Karten-Verkauf unter
