Rastede - „Abgefahren“ hieß nicht nur das Theaterstück, das von der Jugendgruppe „Alive“ in der Neuen Aula der Kooperativen Gesamtschule (KGS) in Rastede aufgeführt wurde, sondern „abgefahren“ waren auch die Typen auf dem Bahnsteig auf der Bühne. Allen voran die beiden „Jet-Set-Tussis“ (Saskia Wilde, 15 und Franziska Cordes, 14).

Sie sind „stylisch“ gekleidet und lästern über Leute im Publikum, über deren Frisuren und deren Kleidung. Sie telefonieren mit ihrer Mutter (wird über Leinwand als Video übertragen) und verhandeln mit ihr über die Nutzung der mütterlichen Kreditkarte. Sie wollen ein Taxi nehmen, am liebsten aber den elterlichen Helikopter, der aber dummerweise gerade in der Werkstatt ist. Ihre Kommunikation ist an Zynismus nicht zu überbieten. „Wir wollen einen opferfreien Bahnhof“, fordern sie, als sie eine ukrainische Asylbewerberin auf der Bank am Bahnhof entdecken. Auch sind sie der Meinung, dass einige Leute weggemobbt werden müssen – und „anderen zu helfen ist ekelhaft“, sagen sie.

„Nein, ich möchte im wahren Leben nicht so sein“, sagt Saskia. „Aber es hat viel Spaß gemacht, in diese Rolle zu schlüpfen“. Franziska nimmt in der Pause für eine kurze Zeit wieder ihre Rolle ein und tönt scherzhaft ironisch: „Natürlich ist das die Rolle meines Lebens“. Aber sie gibt zu, dass sie „nicht einmal weiß, wie man sich schminkt“. „Privat sind wir alles andere als sogenannte Tussis“, erklären beide mit Nachtdruck. Ulla Wilde (11) ist stolz auf ihre große Schwester Saskia in der Rolle der „Jet-Set-Tussi“. „Es ist cool, was alles so auf dem Bahnhof passiert“, hat sie festgestellt und findet das Stück „ganz toll“. Pfarrer Friedrich Henoch hat entdeckt, dass viele Sehnsüchte aber auch Ängste der Jugendlichen auf der Bühne zum Tragen kommen. Und Pfarrer Christoph Müller findet es interessant, wie viele Charaktere in dem Bühnenprogramm vorkommen. „Die haben sich ganz schön was einfallen lassen“, sagt der Kirchenmann.

Ja, das Stück ist gelungen und die Mischung von Theater, Videoszenen und Musikdarbietungen macht die Szenerie spannend. Auch Jugenddiakon, Norbert Kohring, der über ein Jahr lang mit rund 50 Schülerinnen und Schüler geprobt hat, versucht sich in Begleitung einer Band im Gesang. Es ist klar, dass sein Cantus vom Publikum in der überfüllten Neuen Aula mit tosendem Applaus und einem nicht zu überbietenden Pfeifkonzert begleitet wird. „Im Stück geht es gegen Mobbing und das in ernster und teilweise auch in spaßiger Weise“, sagt Yasmina Pronza (11) in der Pause. Der im „Bayernlook“ auftretende Trompeter, die Tochter eines Rechtsanwalts und andere „Typen“ diskutierten am Bahnhof über das Thema Mobbing und Asylrecht und meinen alle, dass man etwas tun müsse. Besonders für das ukrainische Mädchen, dass „seit Stunden“ mit seinem Ablehnungsbescheid auf der Bank sitzt. „Aber wenn sie uns nicht versteht, was können wir denn machen“, schränken die beiden Tussis ihre Möglichkeiten der Hilfsbereitschaft ein.

Ob dem Mädchen letztlich geholfen werden kann, bleibt im Stück unklar. Hochaktuelle Themen wurden von den Schülerinnen und Schülern erfolgreich bearbeit. Dem Publikum hat es gefallen.