Aurich - Komponisten können Werke derart knapp abfassen, dass man unwillkürlich an die beiden wortkargen Bauern denkt, die für drei Tage in die Stadt fahren. Auf dem Hinweg sagt der eine: „Der Weizen steht gut.“ Auf dem Rückweg sagt der andere: „Der Roggen aber auch.“

Arnold Schönberg hat sich in seinen „sechs kleinen Klavierstücken“ op. 19 vergleichbar tonkarg gegeben. Die zusammen sechs Minuten dauernden mikrotonigen Klanggewebe bilden zum Auftakt der „Gezeitenkonzerte“ in Aurich das eine Extrem eines geschichtenreichen Programms. Natürlich sind die nur 78 Takte nicht derart banal, sondern im Ausdruck höchst verdichtet. Der Pianist Kit Armstrong erzählt in der ausverkauften Lambertikirche eine Menge zu den Andeutungen und Auslassungen der Musik. Der aktuell hoch bewertete Amerikaner konzipiert das überlegt und überlegen.

Johann Sebastian Bach und Johannes Brahms besetzen die Gegenpositionen. Bach sprudelt in seinem „Italienischen Konzert“ geradezu vor Mitteilungslust. Brahms geht in seinem Klavierquartett f-Moll op. 34 ganz aus sich heraus. Aber beim mühsamen Werden dieses Meisterwerks hat er selbstkritisch viele Gespräche mit sich geführt.

Dmitri Schostakowitsch grübelt selbstverloren in seinem 5. Streichquartett B-Dur op. 92. Über weite Passagen flüstert und haucht er in seiner zeitlosen Tonsprache zwischen Dur und Moll.

Wer grobe Ohren hat, durfte einst nicht hören, was er über sein unter Stalin beschädigtes Leben ausbreitet. Feine Ohren hören und verstehen es anders.

Atemnehmend intensiv und strukturiert bis ins Saitenstreicheln hinein trifft das wunderbare Signum-Quartett diesen Tonfall existenzieller Verzweiflung: Kerstin Dill und Annette Walther (Violine), Xandi van Dijk (Viola) und Thomas Schmitz (Cello). Sie ziehen bruchlos Schostakowitschs lange Legatolinien durch, aber sie bedenken jederzeit, dass die weiten Bögen immer wieder aus kleinen Einheiten zusammengeführt werden müssen. Brahms werfen sie sich rückhaltlos in die Arme. Doch sie plustern nichts auf, jede Fortissimo-Wucht ist sensibel strukturiert. Aus den originellen Überraschungen der Musik machen sie Aha-Erlebnisse.

Armstrong fügt sich gleichberechtigt ein, führt nur, wenn es gefordert ist. Der Klavierklang wird nie dick, weil er einfühlsam artikuliert. Bei Bach zeigt er, wie frei sich ein einfallsreicher Gestalter in der barocken Welt bewegen darf. Armstrong spielt nicht mit einer Terrassendynamik, wie es das für zwei Manuale konzipierte Italienische Konzert nahe legt. Doch seine Crescendi und Decrescendi folgen der zwingenden Logik seines Spiels. Und das ist voller moderner Poesie und mitreißendem Schwung.