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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Wurde nervenkranker Nazi Opfer der Euthanasie?

04.05.2019

Ahlhorn /Oldenburg /Berlin Millionen Zuschauer haben die Doku-Drama-Fernsehserie „Charité“ im Ersten gesehen und die Geschichte um den genialen Chirurgen – und völkischen Nationalisten – Ferdinand Sauerbruch (gespielt von Ulrich Noethen) verfolgt. Einer der Akteure in der Spielhandlung war der „fiese“ Chef der Charité-Psychiatrie, Professor Max de Crinis (gespielt von Lukas Miko), der sich besonders bei der Verfolgung von Homosexuellen und vermeintlichen Deserteuren einen Namen gemacht hatte.

Ermordet

In „Charité“ wurde das durch mehrere Handlungsstränge thematisiert. Der Österreicher de Crinis (1889– 1945) ist eine der historisch verbürgten Gestalten in der zweiten Staffel von „Charité“. Und er war es auch, der den Oldenburger Gauleiter Carl Röver vor 77 Jahren, am 14. Mai 1942, zusammen mit Hitlers Leibarzt Karl Brandt und dem Pfleger Oswald Arlt in die Charité nach Berlin schaffte, wo Röver am Folgetag starb.

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Der Oldenburger Medizinhistoriker Dr. Ingo Harms hält Röver für ein Euthanasie-Opfer der Nationalsozialisten und de Crinis für den Mörder. „Rövers Krankengeschichte, die mit Hilfe eines Quellenfundes im Archiv der Charité sicherer als bisher rekonstruiert werden kann, zeigt deutliche Parallelen mit den Krankenmorden dieser stillen Euthanasie“, sagt Harms.

Diagnose: Paralyse

Im Mai erscheint nun ein Aufsatz von ihm in einer wissenschaftlichen Zeitschrift, in dem er die Erkenntnisse und Quellen zum Fall Röver auswertet. Laut Totenschein ist Röver an einem „Schlaganfall bei Lungenentzündung“ verstorben, was Harms bezweifelt und sich überdies wundert, warum die Krankenunterlagen über Röver in der Charité verschwunden sind.

„Das einzige Dokument mit einer verlässlichen Diagnose ist ein von Reinhard Heydrich an Heinrich Himmler am 13. Mai 1942 gesandtes Telegramm, worin Heydrich einen Oldenburger Gestapo-Beamten dahingehend zitiert, dass der Oldenburger Chirurg Professor Walter Koennecke die Diagnose Paralyse gestellt habe“, zitiert Harms ein Dokument aus dem Institut für Zeitgeschichte. Darin steht: „Am 13. Mai um 12 Uhr rief mich der Ministerpräsident Gauleiterstellvertreter Joel in seine Wohnung. Dort waren anwesend der Ministerpräsident und der Gauhauptamtsleiter Walkenhorst. Der Ministerpräsident erklärte mir, er müsse mir mitteilen, daß der Gauleiter Röver an Paralyse erkrankt sei.“

Anschließend schildert Heydrich eine Reihe von Symptomen. „Röver redet davon, daß er nach England zu Churchill fliegen will, daß er morgen am 14. Mai 42 aber erst noch zum Führer-Hauptquartier will, denn die ganze Welt sei verrückt. Er will noch eine große Rede halten, und zwar auf Schallplatten, mindestens 4 Stunden lang. Die größten Platten sollen für diesen Zweck beschafft werden. In der letzten Nacht hat er in Ahlhorn im Blockhaus seine Zimmereinrichtung zerstört.“

Opfer der Staatsräson?

Über den Gesundheitszustand von Röver war in den Monaten vor seinem Tod in Oldenburg schon spekuliert worden. Röver war „auffällig“ geworden, er hatte auch eine Hitler-kritische Denkschrift verfasst. In seinen letzten Lebenstagen, bevor de Crinis ihn nach Berlin holte, hatte Röver im Blockhaus Ahlhorn gelebt. Dort soll er das Mobiliar seines Zimmers zerschlagen haben und sich bei einem „Bad“ im nahen Teich eine Lungenentzündung zugezogen haben. Offenbar habe Röver als Spätfolge einer nicht auskurierten Syphilis an neurologischen Störungen gelitten.

Dass Hitler selbst an der Entscheidung über Rövers Schicksal beteiligt war, hält Harms nach Auswertung aller erhaltenen Protokolle für sehr wahrscheinlich. Das Regime habe eine erneute Blamage wie nach dem Flug des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß nach Großbritannien verhindern wollen.

„Ein Gauleiter des Dritten Reiches, der sich bei afrikanischen Frauen mit Syphilis infiziert hatte, konnte nicht geduldet werden. Die Staatsräson machte es erforderlich, Röver schnell aus dem Verkehr zu ziehen“, resümiert der Historiker Harms.


Charité in der ARD-Mediathek unter   www.bit.ly/nazipsychiatrie 
Hans Begerow Leitung / Politik/Region
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