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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Ali Mitgutsch: Seine Wimmelbücher feiern das Leben

21.08.2020

München In den Wimmelbüchern von Ali Mitgutsch tobt das pralle Leben. Menschen vergnügen sich im Schwimmbad und im Zoo, sie erklimmen die Berge, ackern auf Bauernhof und Baustelle oder wohnen in einem Mietshaus Wand an Wand.

Glückliche Reise

Mit scharfem Blick und heiterer Ironie hat der berühmte Zeichner den Alltag mit all seinen schönen, aber auch tückischen Momenten festgehalten. „Das Zeichnen war für mich eine unendlich lange, oft auch beschwerliche, aber stets glückliche Lebensreise, auf die mir nur noch die Rückschau bleibt“, sagte Mitgutsch in München anlässlich seines 85. Geburtstags an diesem Freitag. Rund 70 Bücher, Poster und Puzzles sind entstanden, darunter viele Wimmelbücher. Allein in Deutschland wurden mehr als fünf Millionen Exemplare verkauft, im Ausland mehr als drei Millionen. Mitgutschs erster Erfolg liegt mehr als 50 Jahre zurück: Es war das Wimmelbuch „Rundherum in meiner Stadt“.

Ali Mitgutsch BILD: Rolf Vennenbernd
Ali Mitgutsch BILD: Rolf Vennenbernd

Inspirationen aus der Heimatstadt

Ali Mitgutsch gilt als Vater der Wimmelbücher. Nach dem Zweiten Weltkrieg absolvierte er eine Ausbildung zum Lithografen und studierte später an der grafischen Akademie in München. Der Kinderpsychologe Kurt Seelmann gab ihm in den 1960er Jahren den Anstoß, eine besondere Art von Kinderbüchern zu zeichnen.

Die Inspirationen für seine Wimmelbücher stammen von Beobachtungen in seiner Geburtsstadt München.

2018 bekam Ali Mitgutsch das Bundesverdienstkreuz für ein neues Genre und „einen unverkennbaren Illustrationsstil“.

Mitgutschs Mutter weckte in ihrem Sohn Alfons die Freude am Erzählen. „Sie hüllte uns regelrecht ein mit ihren Worten, und wir gaben uns ihnen ganz und gar hin und fühlten uns darin geborgen“, schreibt der Künstler in seinen Kindheitserinnerungen „Herzanzünder“. 1935 kam Mitgutsch in München als jüngstes von vier Kindern zur Welt. Der Zweite Weltkrieg, Hunger, Heimatlosigkeit und Not prägten diese Jahre. Der große Bruder fiel in Russland an der Front. Gegen Kriegsende floh die Familie vor den Bomben ins Allgäu. Dort litt der schüchterne Ali unter den Demütigungen anderer Kinder. „Ich wanderte durch die Auen und den Wald allein und träumte mir die Abenteuer, die ich in Wirklichkeit nicht erlebt habe, weil ich keine Freunde hatte“, erinnert sich der Künstler. „Da träumte ich mir zwei Freunde, einen dicken, großen, starken, der mir half, und einen kleineren, frecheren, schlaueren, der mir immer die besten Ausreden zuflüsterte. Mit denen habe ich dann so meine Abenteuer erlebt.“

Nach dem Krieg kehrte die Familie nach München zurück. Mitgutsch schloss die Hauptschule ab, begann später ein Grafikstudium. Die Empfänglichkeit für Eindrücke gepaart mit einer präzisen Beobachtungsgabe machen die Bilder des Künstlers so besonders. „Die einzelnen Geschichten in meinen Wimmelbildern basieren auf eigenen Beobachtungen. Dazu habe ich stets einen kleinen Block und einen Stift dabei und zeichne flink Skizzen, mit denen ich dann später arbeite“, sagte der Münchner vor einigen Jahren.

Leben ist still geworden

Mitgutsch selbst hat die Stifte aber zur Seite gelegt. „Heute bin ich froh, wenn mir mein Stück Apfelkuchen nicht von der Gabel rutscht. So oder so ähnlich sehen heute die täglichen Herausforderungen für mich aus.“

Seinen Geburtstag will er im kleinen Kreis feiern. „Mein Leben ist längst stiller geworden. Dazu kommen die Corona-Zeiten. Aber ich weiß, dass viele Menschen, mit denen ich mich verbunden fühle, an mich denken werden. Dafür bin ich sehr dankbar.“

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