Tübingen - Er hatte den großen Namen und sorgte im intellektuellen Milieu für ordentlich Radau. Er wusste sich zu inszenieren. Unvergessen für uns Studenten, wie er laut auf dem Flur der Uni verkündete, von einer Schreibblockade samt schwerster Depression geplagt zu werden. So eine Depression wollten wir auch gern haben. Aber bei ihr studierte man viel lieber. Sie war netter, freundlicher, die bessere Lehrerin und Germanistin.
Stille Karriere
Er – das war Walter Jens (1923–2013), der berühmte Autor, Übersetzer, Kritiker und Rhetorikprofessor in Tübingen am Neckar, jener ewig redende Mann, der lange die geistigen Debatten in der alten Bundesrepublik anführte und der, selbst als er in Demenz versank, noch die Feuilletons füllte. Und sei es durch überflüssige Berichte seines Sohnes Tilman über den Zustand des Vaters.
Sie – das war Inge Jens, die große (auch groß gewachsene) Literaturwissenschaftlerin, Herausgeberin und brillante Autorin einiger Bestseller. Nun wird sie am 11. Februar 90 Jahre alt.
Lange, viel zu lange, nahm man sie nur als die Ehefrau von Walter Jens wahr. Als Studenten haben wir Dr. phil. Inge Jens geschätzt, ja gemocht. Oft bestritten beide zusammen Seminare am Institut für Allgemeine Rhetorik, bis heute eine einzigartige Einrichtung. Wenn man von einem klassischen Kommissar-Team im Krimi ausgehen würde, dann hätte Inge Jens den lieben Part, er wäre der strenge Kerl gewesen.
Tatsächlich konnte er erbarmungslos verhören. Blut und Wasser schwitzte man als Student, wenn er nach der dritten Nebenperson in Goethes „Wahlverwandtschaften“ fragte. Verloren, wer nicht Lessing gut kannte, fix und fertig, wer Latein locker nahm. Wehe, wer ihn beim Erzählen über seine Zeit als Torhüter beim Eimsbütteler TV unterbrach. Sie, die gebürtige Hamburgerin, große Germanistin, hat ihre Karriere viel stiller, doch sehr konsequent vollzogen.
Sicher, man sah sie immer an der Seite von Walter Jens, als Mutter zweier Söhne, die eine Habilitation bei Hans Mayer in Hannover aus familiären Gründen ausschlug. Aber eigentlich, das wird selbst Walter Jens eingesehen haben, hat diese Frau ihr geistiges Leben einem anderen Mann gewidmet. Einem gewissen Thomas Mann. Sie brachte bis 1995 zehn hervorragend kommentierte Bände der Tagebücher Thomas Manns heraus – einzigartig und erstrangig. Inzwischen weiß jeder, dass die Tagebücher gleichwertig neben dem Gesamtwerk des Erzählers und Essayisten Mann stehen.
Damit hat Inge Jens Literaturgeschichte geschrieben. Aber da winkt sie bis heute bescheiden ab. Gemeinsam mit ihrem Mann hat sie „Frau Thomas Mann“ verfasst, einen Bestseller. „Spannend geschrieben durch meinen Mann – sauber erarbeitet durch mich“, hat sie ganz fein angemerkt.
In Mutlangen blockiert
Es folgten Bücher über Hedwig Pringsheim. Gelobt wird sie auch für Werke wie „Dichter zwischen rechts und links“, „Am Schreibtisch“ oder ihre Memoiren, die sie „Unvollständige Erinnerungen“ nennt. Geschätzt wird sie für den politischen Kampf – natürlich an der Seite ihres Gatten. Mit dem blockierte sie 1984 US-Atomwaffendepots in Mutlangen. Mit ihm beherbergte sie während des ersten Golfkrieges 1990 US-Deserteure in der Tübinger Wohnung, und wir nehmen mal an, dass sie für die Logistik sorgte. Also den Kaffee kochte.
Das wird sie gelassen genommen haben. Denn bis heute hat sie, die als Witwe aus dem Haus am Berg in eine Dreizimmerwohnung am Neckar gezogen ist, ihren feinen Humor bewahrt. Sie würde immer noch nach Mutlangen zur Blockade fahren. Allerdings müsste sie jemand mitnehmen; sie ist nicht mehr gut zu Fuß. Zum 90. Geburtstag wünscht sie sich weiter Klarheit im Kopf.
Ein Buch will sie nicht mehr schreiben. Wo immer sie kann, nimmt sie rege am intellektuellen Leben Tübingens teil. Applaus, wenn sie sich mal länger äußert, winkt sie übrigens bescheiden ab. Dabei hat sie ihn verdient.
