Oldenburg - Inge Jens ist 86 Jahre alt und geht an zwei Stöckchen. Ihr Mann Walter Jens ist im Juni gestorben. Sie hat das alte, große Haus am Berg in Tübingen verkauft und ist in drei neue Zimmer unten am Neckar gezogen. „Betreutes Wohnen!“, erzählt sie. Sie hat ihr Leben geordnet, die hochgewachsene, hellwache Germanistin, die jetzt vor vollen Reihen über anderthalb Stunden im Oldenburger Horst-Janssen-Museum ihr jüngstes Buch vorstellte: „Am Schreibtisch. Thomas Mann und seine Welt“.
Er, also der Tübinger Rhetorikprofessor und Autor Walter Jens, war immer berühmter. Er war lauter, er wusste sich zu inszenieren. Aber sie ist, pardon, bis heute die bessere Germanistin. Dr. phil. Inge Jens, gebürtige Hamburgerin, hat ihre Karriere still, doch konsequent vollzogen.
Sicher, viele sehen Inge Jens immer noch als Frau an der Seite von Walter Jens, als Mutter zweier Söhne, die eine Habilitation bei Hans Mayer in Hannover aus familiären Gründen ausschlug. Aber eigentlich hat diese Frau ihr geistiges Leben einem ganz anderen Mann gewidmet. Einem gewissen Thomas Mann (1875–1955). Sie brachte bis 1995 zehn hervorragend kommentierte Bände der Tagebücher Manns heraus – einzigartig, wie ihr jetziger Lektor Uwe Naumann in der Einführung des Oldenburger Abends erwähnte.
Inzwischen weiß jeder, dass die Tagebücher gleichwertig neben dem Werk des Erzählers Thomas Mann stehen. Damit hat Inge Jens Literaturgeschichte geschrieben. Aber da winkt sie stets bescheiden ab. Gemeinsam noch mit ihrem Gatten verfasste sie 2003 „Frau Thomas Mann“, einen Bestseller, über eine halbe Million Mal verkauft.
Das neue Buch von Inge Jens widmet sich der Geschichte eines Möbelstücks. Es ist eine besondere Nahaufnahme. Über Jahrzehnte hat der Verfasser der „Buddenbrooks“ am selben imposanten Schreibtisch gesessen – für Autoren, die vor den Nazis emigrierten, nicht selbstverständlich. Für einen labilen Schriftsteller, der sich für was Besseres hielt, indes unerlässlich. Das klobige Mahagoniteil folgte ihm in die Schweiz, nach Kalifornien und wieder von Pacific Palisades zurück an den Zürichsee, nach Kilchberg, zur letzen Adresse, wo „TM“ seine Villa einrichtete. Thomas Mann war der edelste literarische Emigrant, hofiert, gefördert, gut im Geschäft, wie Inge Jens verdeutlicht.
Sie liest ihre schnörkellosen, genau gedrechselten Sätze ruhig vor. Sie erläutert Details, schöpft aus ihrem über fünf Jahrzehnte gewachsen Wissen. Sie kennt Thomas Manns penibelste Schreibtischordnung mit ausgerichteten Kerzenständern und Schere. Sie fand im Laufe der Recherche zufällig heraus, dass der gestrenge Herr sogar mal die Küche aufsuchte. „Das ist eine Sensation“, sagt Inge Jens. Und lächelt. Am Ende winkt sie bescheiden den Applaus ab. Verdient hat sie ihn.
