ALTONA - Wer kennt sie nicht, die Geschichte der Wiener Kaffeehäuser? Hier gaben sich Literaten wie Arthur Schnitzler oder Alfred Polgar ein Stelldichein, namhafte Musiker verdienten hier ihre ersten Honorare. Oder die Pariser und Berliner Salons des 19. und 20. Jahrhunderts, die in der „Belle Époque“ dank frischer Melodien den Kaffeegenuss um ein Vielfaches steigern? Dieses Flair brachte das Bremer Kaffeehaus-Orchester am Sonnabend ins Hotel „Gut Altona“. Die Premiere gelang: Mit gut 200 Zuschauern waren alle Plätze auf dem Saal besetzt.

Das Motto des Neujahrskonzerts war mit „Champagnerlaune“ richtig gewählt. Mit dem Walzer „Gold und Silber“ von Franz Lehár fand das Quintett den idealen Einstieg. Der lebensbejahende Tango „Discepolin“ von Anibal Troilo und das „Je te veux“ von Erik Satie taten ihr übriges. Jazz-Flair kam mit „Take the A Train“ nach der bekannten Version von Duke Ellington auf. „Auf Deutsch heißt das eigentlich: Nimm die Nordwest-Bahn“, meinte Klaus Fischer, der nicht nur musizierte, sondern das Publikum charmant durch das Programm – dreigeteilt wie ein Eishockey-Spiel – führte.

Spätestens mit Henry Mancinis „Pink Panther“ kam musikalischer Humor auf den Saal in Altona. Ein verschmitzt dreiblickender Constantin Dorsch, der mehrfach mit Solokadenzen auf seiner Violine brillierte, schlug auf eine Hotel-Klingel. Als neues Kammermusikinstrument führte das Bremer Kaffeehaus-Orchester dann die Vuvuzuela ein – eigentlich eher bekannt von der Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika. Nun sei bildlich eine Alpenkulisse in Altona gefragt, meinte Fischer als er die „Vuvuzuela-Serenade“ eines gewissen Gustav Maria Bachpelz und Dosch mit dem zungenbrecherischen Titel „der einzige Solo-Vuvuzellist Norddeutschlands, vielleicht sogar Europas“ ankündigte. Nicht fehlen durfte in einem solchen Programm der „Czárdás“ von Vittorio Monti mit einem „Duett der Extremisten“ (so Fischer), der Kontrabass und die Piccoloflöte, und die Rache-Arie der Königin der Nacht aus Mozarts „Zauberflöte“. Lebensweisheiten gab’s gratis dazu: „Wenn eine Frau sich rächt, bekommt ein Mann das meist gar nicht mit“, unkte der Moderator.

Die fünf Musiker Constantin Dorsch (Violine), Klaus Fischer (Flöten, Klarinetten, Saxophon), Johannes Grundhoff (Klavier), Gero John (Violoncello) und Anselm Hauke (Kontrabass) spielen bereits seit mehr als 20 Jahren zusammen. In den vergangen fünf Jahren bat das Orchester zum Neujahrskonzert stets ins Landhotel Rogge Dünsen. Der Umzug an den Rand der Kreisstadt dürfte kein Intermezzo gewesen sein. Auf die „Ooohs“ aus dem Publikum nach Fischers Ankündigung, das Konzert beenden zu wollen, folgten drei Zugaben: der „Radetzky-Marsch“, Glenn Millers „In the Mood“ und der liebevoll gespielte „Capri Fischer“-Tango. Und nicht allein mit dem Refrain „Bella, bella, bella Marie“ stellte so mancher Gast seine Textsicherheit unter Beweis.

Stefan Idel
Stefan Idel Landespolitischer Korrespondent