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NWZonline.de Nachrichten Kultur

PREMIERE: Am Anfang schon alles vorbei

05.03.2007

OLDENBURG Andrea Schwalbach gelang ein großer Wurf mit einer kleinen Schwäche. Die neue Spielstätte am Pferdemarkt erwies sich als optisch und akustisch einnehmender Raum.

Von Horst Hollmann OLDENBURG - Alles ist schon vorbei, wenn Franz Schuberts gruslig-schöner Liederzyklus „Die Winterreise“ erst anfängt. Es schreitet keinerlei Handlung fort, die Lage ist hoffnungslos, der Einsame hat längst abgeschlossen. Und wenn Mauricio Kagels Lieder-Oper „Aus Deutschland“ auf der Grundlage der von Schubert selbst „schauerlich“ genannten Lieder in der Exerzierhalle am Oldenburger Pferdemarkt beginnt, ist auch dort der Ball-Rausch verflogen. Die letzten Ballgäste scheuen den Rückzug auf sich selbst, spielen mit den Sehnsüchten der Romantik, dringen allmählich in Schauder machende Tiefen vor und ziehen das Publikum in diesen Sog.

„Anti-Oper“ hat Kagel einst sein Werk „Staatstheater“ betitelt. Auch „Aus Deutschland“ bricht die Form der Oper auseinander. Deshalb muss man zu dieser ersten Operninszenierung des Oldenburgischen Staatstheaters in der neuen Spielstätte schon sehr bewusst hingehen und sich offenen Herzens und Sinns auf diese Collage aus fast 70 vertonten Gedichten der Romantik einlassen.

Von Wilhelm Müllers „Winterreise“ bis zu Heinrich Heines „Deutschland. Ein Wintermärchen“ spannt der in Köln lebende argentinische Publikums-Verschrecker den Bogen. Als die deutscheste Epoche sieht Kagel die Romantik an. Aber bei dieser Wertung rutscht die starke Inszenierung von Regisseurin Andrea Schwalbach und Dramaturgin Ina Karr in ihre einzige Schwäche. Zur Sehnsucht gesellte sich in der Romantik ein aufkommender Glaube an Visionen und Utopien. Die werden hier wenig angedeutet, und wenn, dann werden sie mit Ironie verworfen.

Es zählt aber sonst gerade zu den ergreifendsten Momenten, wenn Sängerensemble und Instrumentalisten – wohltemperierte und verstimmte Klaviere, Harmonium, Streicher, Tonband – unter der musikalischen Leitung von Olaf Storbeck haargenau diesen Ton treffen: Sentimentalität wird durch Ironie oder Sarkasmus entschärft, wahres Gefühl behält seinen Lauf. Sicher doch: Kagel misstraut der Romantik, das ist er seinem Ruf schuldig – aber er ist ihr trotzdem verfallen.

In 80 äußerlich handlungslosen Minuten umkreisen die Akteure ihre Zustände, Erwartungen, Hoffnungen, Enttäuschungen, Abgründe. Aber nie verbreitet sich das Gefühl eines Zeitstaus auf die leider billig bestuhlte Tribüne des sonst optisch und akustisch wunderbar präparierten Raumes.

Magdalene Artelt, Paul Brady, Thomas Kuckler, James Bobby, Henry Kiichli, Mareke Freudenberg und Irina Wischnizkaja sind charakterisierungsstarke Sänger und Mimen von Gestalten wie Leiermann, Schubert, Schiffer, Goethe, Nacht oder Tod. Marcia Parks zudem (Dichterin/Mutter) singt und spielt ihre Paraderolle ebenso voll aus wie Annekatrin Kupke (Nacht/Leiermann-Frau) oder Bernard Lyon (2. Grenadier/Kammersänger). Und dieser grandios eitle Sänger muss dann erleben, wie plötzlich der Pianist (Wilhelm Hofmann) aufsteht und ihn in Grund und Boden singt – Kagel eben!

Eintrittskarten: unter 0441/22 25 111

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