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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Filmfestival In Venedig: Am Lido beginnt die Löwenjagd

30.08.2016
NWZonline.de NWZonline 2016-09-03T09:49:16Z 280 158

Filmfestival In Venedig:
Am Lido beginnt die Löwenjagd

Frankfurt Am Main/Venedig Zumindest am Anfang dieser 73. Filmfestspiele von Venedig wird sich die Aufmerksamkeit diesmal etwas weniger auf den üblichen Auftrieb der Stars und Sternchen richten. Aus Respekt vor den Erdbebenopfern in Mittelitalien fällt die Party aus. Das Filmprogramm als solches steht im Mittelpunkt. Und das verspricht eines der stärksten der letzten Jahre zu werden.

Mit großen Erwartungen lockt allein schon das Nebenprogramm, in dem nicht weniger versprochen wird als ein Jesus in „virtual reality“, ein amerikanischer Papst im Vatikan und die Wiederbelebung der Untoten. So wird George A. Romeros Zombieklassiker „Dawn of the Dead“ von 1978 in neu restaurierter Fassung gezeigt. Der italienische Regisseur Paolo Sorrentino stellt die ersten Folgen seiner vom Privatsender Sky produzierten TV-Miniserie „The Young Pope“ vor, in der Jude Law den ersten - fiktionalen - Papst aus den USA verkörpert (und Diane Keaton eine befreundete Nonne). Und mit einer 40-minütigen Preview auf „Jesus VR - The Story of Christ“ werden Festivalbesucher die Möglichkeit haben, den ersten Spielfilm des bislang nur im Computerspielbereich eingesetzten „Virtual Reality“-Format vor zu sichten.

Aber das sind nur Nebenereignisse in einem Programm, das zumindest in der namhaften Auflistung von Regisseuren und Schauspielern eine Kette von Highlights zu werden verspricht. Zu den Filmen, auf die man wartet, gehört zum Beispiel das neue Werk von Wim Wenders, „The Beautiful Days of Aranjuez“. Wenders hat diesmal mit französischen Schauspielern (Reda Kateb, Sophie Semin) gedreht und das Drehbuch wie einst beim „Himmel über Berlin“ zusammen mit Schriftsteller Peter Handke verfasst. Das 3D-Format wendet er hier gegen die Konvention für ein eher statisches Beziehungsdrama an, ein Gespräch zwischen einem Mann und einer Frau.

Statt mit neuen Formaten experimentiert der französische Autorenregisseur François Ozon mit alten: Sein Drama „Frantz“ handelt von einer Familie im Spannungsfeld der feindlichen deutsch-französischen Beziehungen unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg. Ozon hat den Großteil des Films in Schwarzweiß gedreht, das er aber mit farbigen Einsprengseln „auffrischt“.

Neuland betritt dagegen der Kanadier Denis Villeneuve, der es mit seinem letztjährigen Drogenkriegsfilm „Sicario“ auf immerhin drei Oscar-Nominierungen brachte. Mit „Arrival“ präsentiert er nun seinen ersten Science-Fiction-Film. Darin spielt Amy Adams eine Sprachwissenschaftlerin, die die Kommunikation zu den gelandeten Außerirdischen ermöglichen soll.

Der Chilene Pablo Larraín - bislang vor allem Kennern des lateinamerikanischen Kinos bekannt - steuert am Lido das Jaqueline-Kennedy-Biopic „Jackie“ bei. Natalie Portman spielt die Titelrolle - wofür ihr bereits Oscar-Chancen ausgerechnet werden.

Tatsächlich hat hat sich Venedig in den letzten Jahren als ideales Sprungbrett für Filme mit Oscar-Ambitionen erwiesen. Schließlich feierte mit „Spotlight“ und „Birdman“ zwei Jahre in Folge der spätere Oscargewinner seine Premiere hier. Auch der Festival-Eröffnungsfilm aus dem Jahr 2013, Alfonso Cuaróns „Gravity“, schnitt mit zehn Nominierungen nicht schlecht ab. Kein Wunder also, dass es „Mostra“-Direktor Alberto Barbera gelungen ist, wieder einige der interessantesten Regisseure an den Lido zu locken.

Bereits als heißer Oscarfavorit wird der Eröffnungsfilm „La La Land“ gehandelt, der das Remake eines ganzen Genres sein möchte: des Musicals. Regisseur Damien Chazelle hat mit „Whiplash“ bewiesen, dass er von der Verbindung von Musik und Film etwas versteht und lässt Ryan Gosling und Emma Stone hier zusammen singen und tanzen.

Mit Derek Cianfrance tritt ein weiterer amerikanischer Independent-Regisseur im Wettbewerb an. In seinem neuen Film „The Light Between the Oceans geht es um ein Paar, das einen Säugling findet und ihn als eigenes Kind aufzieht. Vorschusslorbeeren werden auch schon für die zweite Regiearbeit von Tom Ford ausgeteilt: “Nocturnal Animals„ nach dem Roman “Tony und Susan„ von Austin Wright.

Aber auch den Regieveteranen wird am Lido noch ein Platz an der Sonne eingeräumt. Mel Gibson versucht die Image-Rehabilitation mit der ersten Regiearbeit seit seinem “Apocalypto von 2006: Im Weltkriegsdrama „Hacksaw Ridge geht ein Kriegsdienstverweigerer als Sanitäter an die Front. Der “Exjugoslawe„ Emir Kusturica, der ebenso seit zehn Jahren keinen Spielfilm mehr gedreht hat, tritt nun mit “On the Milky Road erneut an. Auch Altmeister Andrej Konchalovskij („Paradise“) und Terrence Malick („Voyage of Time ) gehören zu den Wettbewerbern um einen Löwen.

Das 73. Filmfestival von Venedig läuft vom 31. August bis zum 10. September. Abschlussfilm wird Antoine Fuquas Neuversion des Westerns “Die glorreichen Sieben“ sein, mit Denzel Washington in der Yul-Brynner-Rolle.