Wardenburg - Ich wolle wirklich mit anpacken? Den freundlich-skeptischen Blick bei meiner Anfrage habe ich noch im Kopf. Mit auf den Weg bekam ich den Rat, ja „wetterfeste Kleidung“ mitzubringen. Doch ich habe Glück: Zwar ist der Himmel grau in grau, es ist feucht, der Wind bläst – aber anders als tags zuvor schüttet es wenigstens nicht unentwegt. Da hatte Wolfgang Peters, der seit Tagen draußen zwischen Tannen steht, zweimal das durchnässte Schuhwerk gewechselt. Weihnachtliche Atmosphäre?
Aber es sind eben nur noch fünf Tage bis zum Fest – Zeit, sich um den Tannenbaum zu kümmern. Auch auf dem Wardenburger Marktplatz läuft seit Wochenbeginn der Weihnachtsbaumverkauf – und ich habe mich darunter gemischt. Ausgestattet mit Arbeitshandschuhen stehe ich neben Werner Dittmer und seinem Mitarbeiter Wolfgang Peters, umgeben von gut 100 Nordmanntannen. Einige Lücken aber sind da, und so heißt’s erst mal abladen: Dittmer hat frisch geschlagene Bäume gebracht. Die ersten Exemplare sind noch recht rasch aus dem Nylonnetz befreit und an einem freien Plätzchen angelehnt. Natürlich nicht, ohne den Stamm vorher kurz auf den Boden zu stampfen, damit sich die Äste schön legen, wie ich lerne. Aber schon bald scheinen die immergrünen Bäume nicht mehr 20 oder 25 Kilogramm schwer zu sein, sondern gefühlte 50. „Man kann auch ziehen“, sagt Peters schmunzelnd, als ich den vierten oder fünften zukünftigen Weihnachtsbaum mühsam zu seinem Platz schleppe. Die Tannen haben ordentlich Gewicht. „Das mach’ mal den ganzen Tag – und dann bei Regen“, so Peters, der im Schnitt wohl 50 Bäume täglich ausnetzt, einnetzt, hochhievt, trägt und auch mal anliefert.
Warum eigentlich nur Nordmanntannen? „Was anderes will keiner mehr“, meint Peters. Die Nordmanntanne ist der mit Abstand beliebteste Baum. Wegen der „schönen Form und stabilen Äste“, glaubt Peters. Und wegen der weichen Nadeln.Vor zwei, drei Jahren seien noch zehn Fichten im Angebot gewesen, „davon haben wir eine verkauft“.
Peters auf dem Anhänger schon eine Tanne ausgeguckt, die als Musterbaum vor dem Zaun aufgestellt werden soll: „Das ist ’n Guter für den Ständer.“ Das erkennt er, obwohl die Nordmanntanne eingenetzt ist? Werner Dittmer, der schon seit vielen Jahren Weihnachtsbäume verkauft, nickt: „Das fühlt man.“ Ich bekomme gezeigt, wie man seitlich gegens Bündel klopfen muss: Nichts gibt groß nach unterm Netz – also ein voller Baum.
„Hast du noch ’nen schönen für mich?“ Der erste Kunde kommt. Nicht zu breit solle er sein, über Kopf hoch. Das ist bald gefunden. „Willst du ihn durchziehen?“ Ich will. Mit dem Stammende zuerst schiebe ich den Baum in den Trichter des Netzgerätes. Nur das Messer fürs Netzabtrennen – fest angebaut am Ständer – finde ich erst mit Hilfe: Der erste Baum ist eingenetzt. Und schon kommt eine Frau. Die seien meist kritischer, hat mir Peters vorab verraten. Ihre Wünsche: nicht zu ausladend, „oben nicht so kahl“, und auch, „wie mein Schmuck sich daran machen würde“, ist ein Kriterium. Ich drehe einige Tannen vor ihr, wie ich’s mir abgeschaut habe. Auch diese Kundin hat rasch ihren Baum gefunden – allerdings doch keinen von „meinen“, sondern einen mit etagenmäßiger Astanordnung, den der Fachmann herausgesucht hat.
Wolfgang Peters selbst will sich Weihnachten nur „irgendwas Kleines“ hinstellen. Wie groß mein Weihnachtsbaum ausfallen wird, weiß ich noch nicht. Aber ich werde ihn sicher selbst einnetzen.
