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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Anleitung zur Lebenskunst

04.10.2013
NWZonline.de NWZonline 2015-07-22T14:44:46Z 280 158

Premiere:
Anleitung zur Lebenskunst

Oldenburg Er ist ein Bild des Jammers auf seinem Rollbrett, von Niesattacken gequält: Herr Feininger hat zwei Jahre an der Seite seines Frauchens im Bett verbracht. Nun ist dem Mops die primäre Bezugsperson abhanden gekommen, und er sucht in Zürich das Institut für Lebenskunst auf, um wieder auf die Beine zu kommen. Schon sind wir mittendrin im neuen Stück „Dr. Weltsch & Dr. März oder Eintagsfliegen werden bevorzugt behandelt“ des Theaters Laboratorium, das am Mittwochabend Premiere hatte und vom Publikum begeistert gefeiert wurde. Regie führte an diesem Abend Barbara Schmitz-Lenders.

Appell zum Müßiggang

Dr. Alexander Weltsch (Pavel Möller-Lück mit herrlichem Schweizer Akzent und voll in seinem Element) und Dr. Wieland März (Jonathan Wendt ist ein ebenbürtiger Partner) führen in ihrer Praxis ein entschleunigtes Leben (Sprechstunden montags bis freitags von 10 bis 12 Uhr und von 16 bis 18 Uhr, Mittwochnachmittags nur nach Vereinbarung). Sie mögen unterschiedlicher Auffassung sein, sind aber immer einer Meinung. Dritte im Bunde ist Christine (Anna Mittelstaedt), seit 30 Jahren Projektion von Weltsch. Sie ist da, wenn er sie braucht – sehr praktisch für ihn. Wer ist schon ohne Psycho-Macke?

Die Therapeuten haben es auf den ersten Blick mit kuriosen Fällen zu tun, auf den zweiten halten sie uns einen Spiegel vor. Da ist die Eintagsfliege (alle Puppen meisterhaft geschaffen von Mechthild Nienaber) aus der Agentur für Optimierungsstrategien. Sie ist ständig unterwegs, die Zeit sitzt im Nacken, sie hasst Wiederholungen, weil das verlorene Zeit ist. Der Fliege kann geholfen werden: mit einem Bad in Crème Brulée und einer Sammlung Geduldsspiele aus der DDR. Rezeptfrei gibt es dazu den Appell zum Müßiggang – aber bitte mit Freude und Hingabe.

Lachen ist auch eine gute Medizin. Gelegenheit dazu hat das Publikum in diesem Stück reichlich. Zum Beispiel über Reto: 14 Jahre alt, ADHS-Patient, latent drogenabhängig, laktoseintolerant. Ein klarer Fall für die Therapeuten: Der Chopin-Liebhaber und Breakdancer ist in der Pubertät, übrig bleibt allein die Laktoseintoleranz – und die Aussicht, dass Reto und Herr Feininger, der bei 0,02 km/h auf dem Laufband in Bewegung kommt, ziemlich beste Freunde werden könnten.

Ein trauriges Schicksal führt Rachel und William Silverman aus New York ins Institut für Lebenskunst. Vor vier Monaten hat das Pinguin-Paar sein erstes Ei verloren. Seit dem Verlust des Babys schweigt Rachel, William kann dagegen seinen Schnabel nicht halten und redet umso mehr. Ein typischer Fall von Verdrängung. Während sich Dr. Weltsch des Mannes annimmt, setzt sich Dr. März mit Rachel an den Flügel: Das Chopin-Stück für eine Hand und einen Schnabel ist die wohl anrührendste Szene des Stücks. Rachel beginnt wieder zu sprechen, das Paar lernt aufeinander zuzugehen und einander wieder zuzuhören.

Schwerer Fall

Neben der kolumbianischen Kupferspinne mit Depressionen und Frau Spät, die seit 28 Jahren aus Angst vor der Ungewissheit in ihrem Ei hockt, ist auch Sir Milton Choci ein schwerer Fall: Der Finanzspekulant mit schwerer Kindheit – immer auf der Überholspur, um besser, schneller und reicher als die anderen zu sein – braucht 200 Therapiestunden, bis er die Maskerade beendet und sich zu seinem wahren Ich bekennt.

Zum guten Schluss entdeckt auch Frau Spät ein Stück Himmel, Christine hat ihr Dasein als Projektion satt und wird selbstständig, Weltsch und März lassen die Puppen tanzen. Und der Mops? Ist vermutlich mopsfidel. Theater als Therapie – amüsant, unterhaltsam, einfach sehenswert.


Alle Theaterkritiken unter   www.nwzonline.de/premieren