Berlin - Es kommt selten vor, dass man einem Algorithmus bei der Arbeit zusehen kann. Die Rechnungen laufen normalerweise in fernen Serverräumen, ihre Ergebnisse bekommen wir auf Smartphones und Computer geliefert. Auf dem Kunstfestival Transmediale dagegen können die Besucher einen Algorithmus beobachten. Hier steht ein altmodischer Drucker, der regelmäßig mit lautem Surren eine weitere Zeile Buchstaben auf Papier spuckt.

Es sind Vorhersagen, die die Künstler hinter dem Projekt aus Daten von Online-Netzwerken gewinnen. „Callum wird sich innerhalb des nächsten Tages im Umkreis von einem Kilometer um folgende Koordinaten befinden“, druckt die Maschine. Oder auch, dass mehrere Nutzer sich in der Nähe voneinander aufhalten werden.

Das Datenorakel macht greifbar, wie ein Algorithmus arbeitet. Denn obwohl die Formeln unseren Alltag beeinflussen, bleiben sie oft undurchsichtig. Algorithmen durchforsten Milliarden Webseiten, um die anzuzeigen, die zu unserer Suchanfragen passen. Sie ordnen Verkehrsdaten, um uns an Staus vorbeizulotsen. Oder sie durchkämmen Börsenkurse, um in Sekundenschnelle Kaufentscheidungen zu treffen.

Die Transmediale will das verborgene Wirken dieser Datenanalysen zeigen. Noch bis Sonntag werden im Berliner Haus der Kulturen der Welt Kunstwerke ausgestellt und Diskussionen geführt. „Wenn man das persönlich erlebt, fängt man hoffentlich an, darüber zu reflektieren“, sagt der künstlerische Leiter des Festivals, Kristoffer Gansing.

Die Vermessung des Alltags schreitet voran, warnen die Künstler. „Capture All“ lautet das Motto dieses Jahr - „Sammelt alles“. Angelehnt ist das an die Snowden-Enthüllungen, die zeigten, wie westliche Geheimdienste hinter jedem digitalen Informationsschnipsel herjagen. Auch sie brauchen Algorithmen, um aus den zahllosen Datenpunkten solche herauszufischen, die für sie nützlich sein könnten. Wissen ist Macht, so sieht es der ehemalige NSA-Mitarbeiter Thomas Drake, der noch vor Edward Snowden auf die Aktivitäten des US-Geheimdienstes aufmerksam machte. Das sei der Antrieb der Geheimdienste.

Den Einfluss der Datenauswertung aufzeigen heißt auch, sie kritisch zu betrachten. „Ein Algorithmus ist nicht an sich böse“, sagt Gansing. „Aber wir müssen sie als Machttechnologien verstehen.“ Die Formeln können auch benutzen werden, um uns zu belügen. Ein Projekt im Foyer des Kulturhauses zeigt, wie das geht. Der Künstler Constant Dullaart kaufte zweieinhalb Millionen falscher Follower für die Fotoplattform Instagram. Die Profile sehen echt aus, die enthalten sogar Fotos ihrer vermeintlichen Nutzer. Doch dahinter steckt wieder nur: ein Algorithmus. Das Programm stellt die Fake-Profile zusammen und setzt Hashtags wie #Selfie unter ihre angeblichen Fotos.

Constant Dullaart verteilte die falschen Freunde auf die Instagram-Profile von Galerien, Malern, Kunsthändlerinnen - um allen gleich viele Follower zu verschaffen. Die gemessene Beliebtheit werde zu wichtig genommen, auch in der Kunstszene, heißt es zur Erklärung. „Es ist so einfach, süchtig nach dieser zahlengetriebenen Aufmerksamkeit zu werden.“

Doch auch Algorithmen verarbeiten letztlich nur die Daten, die ihnen zur Verfügung stehen. Das zeigt der Drucker in der Ausstellung. Er hat mittlerweile ein weiteres Ergebnis produziert. „Über die künftigen Interessen von Maxi kann derzeit nichts vorhergesehen werden.“

„Wir müssen uns diesen Eingriffen in unsere Gesellschaft widersetzen“, sagte Drake am Donnerstag auf dem Festival.