Oldenburg - Es ist so eine Marotte von Kritikern, nach einem Konzert eine Bilanz von falschen oder zumindest unsauberen Tönen zu ziehen, was sich bei Live-Auftritten im Grunde verbietet. Beim Konzert von Cristin Claas am Sonntagabend im Wilhelm13 hätte man es dennoch tun können: Es gab schlicht keine. Wenn technische Perfektion gelegentlich etwas leblos wirken mag, so hat das Cristin Claas Trio eindrucksvoll belegt, dass es auch anders geht. Dieses Konzert im Wilhelm13 wird man noch lange in Erinnerung behalten, weil es technisch perfekt und zugleich so unfassbar anrührend war.
Das liegt vor allem an der Stimme von Cristin Claas, bei der sich gern gezogene Vergleiche mit bekannteren, aber keineswegs besseren Sängerinnen wie Tori Amos, Kate Bush oder auch Silje Nergaard eigentlich verbieten. Claas’ einzigartige Stimme ist in der Höhe so brillant klar und beweglich wie in der Tiefe tragend, sie verwöhnt den Zuhörer. Ihr zu folgen, ist nicht zuletzt wegen der bemerkenswert klaren und akzentuierten Aussprache leicht.
Ein weiterer Erfolgsgarant für umwerfende Live-Auftritte sind Stephan Bormann und Christoph Reuter, zwei Profi-Musiker, die ihresgleichen suchen. Gitarrist Stephan Bormann gehört zweifellos weltweit zum Besten, was die Branche auf sechs Saiten zu bieten hat. Er brillierte als Begleiter von Claas ebenso wie mit seinen atemberaubenden Soli. Dem stand Christoph Reuter an Keyboards und E-Piano in nichts nach, der auch noch komödiantisches Talent nachwies. Mit seiner Nutzung des Reißverschlusses der Jacke eines Konzertbesuchers als Rhythmusinstrument dürfte er auf jeden Fall ein Alleinstellungsmerkmal haben. Kein Wunder, dass das Trio kein Schlagzeug benötigt. Das Duett, das Bormann und Reuter einem begeisterten Publikum boten, zeigte die hohe Kunst instrumentalen Zusammenspiels in absoluter Perfektion, gepaart mit einer fast schon akrobatischen Beherrschung ihrer Instrumente.
Claas wird eigentlich dem Jazz-Genre zugerechnet, im Jazz-Gesang ist sie auch ausgebildet worden. Doch zumindest im Oldenburger Konzert standen Jazz-Improvisationen eher im Hintergrund. Ihre Musik ist wunderbar melodisch, spielerisch leicht, aber anspruchsvoll. Den intelligenten Arrangements der Songs war anzumerken, wie viel Spaß den drei Musikern das gemeinsame Spiel macht und wie gut aufeinander eingespielt sie sind. Die witzige Interpretation alter Kinder- und Volkslieder („Hasen“) war exemplarisch für ein geschmackvoll zusammengestelltes Programm. Den poetischen Texten der Songs von Cristin Claas standen originelle Bearbeitungen von Volksliedern gegenüber. Kaum zu glauben, aber „Heidenröslein“ (Text von Goethe, Musik von Schubert) wirkt in Cristin Claas’ Version modern und gleichzeitig wunderbar altbekannt. Zauberhaft!
Genauso originell war die Einbindung des Publikums, das erstaunliches Rhythmusgefühl und stimmliche Stabilität bewies.
Was bleibt, ist auf jeden Fall der Wunsch nach einer raschen Wiederholung – und die Verwunderung darüber, dass das Trio nicht längst international Furore macht. Das Rüstzeug dafür haben diese drei Vollblut-Musiker allemal.
