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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Immer schön nacherzählt

24.04.2017

Oldenburg Man sitzt noch gar nicht richtig im Kleinen Haus des Oldenburgischen Staatstheaters, da wird schon geknipst. Ein wunderbares Familienfoto: die Schauspieler stehen parat. Bitte alle recht nett. Alle fünf auf einem Bild. Zwei wohlgeratene Söhne, eine hübsche Tochter, die stolzen Eltern: eine glückliche Familie! Noch.

Von Not und Leid

Das anheimelnde Fotoshooting wird uns nur gezeigt, damit wir später die gewaltige Zerstörung des Glücks der Familie Singer erfassen können. „Hiob“ nach dem 1930 erschienenen Roman von Joseph Roth erzählt die Geschichte eines frommen Dulders, dem irgendwann nach heftigen Prüfungen und Leid und Not die mächtigsten Gotteszweifel kommen – und Regisseurin Jana Milena Polasek nimmt das ziemlich wörtlich. Das mit dem Erzählen: Sie lässt meist in wechselnden Rollen von den Schauspielern erzählen.

Am Ende Wahnsinn

Knapp 120 pausenlose Minuten lang müssen uns die Schauspieler den großen Roman in kleinen Portionen verabreichen. Dabei redet oft einer, der andere illustriert das, etwas versetzt, um es nicht zu schlicht aussehen zu lassen.

wo man Eintrittskarten bekommt

Eintrittskarten für das Schauspiel „Hiob“ im Kleinen Haus des Oldenburgischen Staatstheaters gibt es unter: Telefon   0441/222 51 11. Das Stück basiert auf dem gleichnamigen Roman von Joseph Roth (1894–1939).

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Manchmal gibt es Frontalunterricht. Da wird nur erzählt, so als sei es ein Hörspiel. Ist es aber nicht. Deshalb ist man über jede Spielszene froh, die das Aufsagetheater über eine kaputte Familie etwas bühnenreif macht. Es kann ja nicht allein darum gehen, den Roman irgendwie auf der ziemlich düsteren Bühne nachzubilden. Dann könnte man ihn ja gleich lesen.

Mendel Singer, von Thomas Lichtenstein als bescheidener, trauriger ostjüdischer Tora-Lehrer mit barocker Wucht verkörpert, ergeht es vor dem Ersten Weltkrieg wie Hiob im Alten Testament: Das Schicksal stellt ihn – zwar in Pogromzeiten, aber noch vor dem Holocaust – grausam auf die Probe. Söhne sterben, der Jüngste ist Epileptiker und wird bei der Auswanderung in die USA zurückgelassen, die Tochter treibt es mit Kosaken – und das ist längst nicht das Ende des Wahnsinns, das da Leben heißt.

Joseph Roth hat sich mit seinem Buch wuchtig in die Weltliteratur geschrieben. Die Regie hat daraus in Oldenburg freilich eine überraschungsarme Veranstaltung gemacht, die, anders als der Roman, selten unter die Haut geht. Gewiss, es gibt theatralische Einfälle. So landet das kranke Kind sofort in einer kleinen Holzkiste – was fasziniert: Der behinderte Menuchim ist präsent, ohne überhaupt gesehen zu werden.

Umständlich

Sicher, das spartanische Bühnenbild von Stefanie Grau mit einem riesigen Horn erzeugt eine eigenartige Stimmung. Ja, die Schauspieler geben alles. So stellt Lichtenstein den Singer als starren, schlichten Charakter dar. Caroline Nagel, sonst pragmatische Gattin, fällt am Ende angesichts des Elends recht schnell tot um. Die Tochter (Agnes Kammerer) hüpft als euphorisch Fröhliche, die in den Wahnsinn abdriftet, und auch die Söhne (Rajko Geith, Yassin Trabelsi, Fabian Kulp) überzeugen – aber sie retten den langweiligen Abend nicht. Eher zeigt sich ein weiteres Mal, dass einfallsloses Regietheater nicht durch gute Schauspieler aufgemöbelt werden kann. Locker hätte man übrigens den Abend ohne Verluste um 30 Minuten kürzen können.

Gehört jeder Roman der Weltliteratur auf die Bühne? Gibt es keine Dramatiker und keine Dramen mehr? Kurz und gut, es war mehr schlecht als recht.

Dr. Reinhard Tschapke
Redaktionsleitung
Kulturredaktion
Tel:
0441 9988 2060

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