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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Auch in Trippelschritten spitze

04.10.2016

Oldenburg Bei zwei choreografischen Handschriften an einem Abend überwiegt entweder der Gegensatz oder die Gemeinsamkeit. Ein Glücksfall, wenn sich beide ergänzen – wie bei dem Franzosen Antoine Jully und dem Amerikaner Alwin Nikolais (1910-1993). Die beiden Choreografien, die am Samstagabend in Oldenburg auf die Bühne des Großen Hauses kamen, trennen mehr als 50 Jahre. Keine von ihnen erzählt eine Geschichte, voller Magie aber sind sie beide – die eine elegant auf Spitze, die andere in Trippelschritten.

Für große Sprünge sind die farbigen Ganzkörpertrikots in „Imago Suite“ von Alwin Nikolais auch nicht gedacht. Die Choreografie wurde in Oldenburg von seinem ehemaligen Schüler Alberto del Saz einstudiert, ganz nah am Original von 1963. Der präzise, abgezirkelte Bewegungsablauf der Tänzerinnen und Tänzer folgt exakt der oft dissonanten Klangkulisse: Jedes einzelne Geräusch wird auf den Punkt umgesetzt. Dabei sehen die Tänzer mit ihren uniformen Hüten aus wie mechanische Spielzeugfiguren oder als wären sie just einem Gemälde von Oskar Schlemmer entsprungen.

Nikolais, der Erfinder des modernen abstrakten Balletts, steuert die Bewegungen geradezu mathematisch, aber nicht ohne Witz. Da kann es schon vorkommen, dass die rasch über die Bühne trippelnden Tänzer zum entsprechenden Wumms aus dem Lautsprecher aneinanderprallen. Dann wieder schweben drei Tänzerinnen in seltsamen, bis auf den Boden reichenden Reifröcken über den Boden, wobei ihr Vor- und Rückwärtsgleiten riesenhafte Schatten wirft.

Hätte sich Antoine Jully in seiner Choreografie „4 Seasons“ nur an Nikolais orientiert, hätte er vielleicht die vier Jahreszeiten wie einst Pina Bausch auf exakt vier Gesten reduziert. So aber hat der Oldenburger Chefchoreograf vier kurze, elegante Stücke entworfen, getanzt vor großen Papierbahnen mit schwarz-weißem Spitzenmuster. Und er erlaubt sich kleine Hinweise: rollende grüne Holzpalletten für sprießendes Gras, Fähnchen für den Sommer, Äpfel für den Herbst.

Vor allem aber kombiniert er seine Arbeit mit A-cappella-Werken von Paul Hindemith, Eric Whitacre, Peteris Vasks und Max Reger, die im Orchestergraben live vom verstärkten Opernchor des Staatstheaters (Leitung: Thomas Bönisch) gesungen werden. Damit erreicht seine Choreografie mitunter eine solche Wucht, dass beim erlösenden „Cloudburst“ (dt.: Wolkenbruch) von Whitacre, dem Sommergewitter, fast der Boden bebt.

Strebten die Bewegungen der weiß gekleideten Tänzer zuvor eher in die Höhe, kauern sie sich im sakralen, ruhigeren Winter-Teil zu den „Acht geistlichen Gesängen“ von Max Reger zusammen, als wendeten sie sich nach innen. Der ewige Kreislauf vom Werden zum Vergehen – eindrucksvoll und nur noch übertroffen von der Intensität der Chorstimmen.

Der Jubel am Ende galt denn auch allen Beteiligten, die lautesten Bravos allerdings waren für Antoine Jully.


Mehr Infos unter   www.staatstheater.de 
Regina Jerichow
Stellv. Redaktionsleitung
Kulturredaktion
Tel:
0441 9988 2061

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