New York - Für junge Menschen dürfte die ganze Geschichte wie ein etwas verblichenes Bilderbuch wirken. Protestmärsche, Vietnam, die Hoffnung auf Weltfrieden. Die Songs von Bob Dylan. Zehntausende, die dem Traum Martin Luther Kings lauschen. Und mittendrin Joan Baez, schwarzhaarige Königin des politischen Folk, die an diesem Sonnabend ihren 75. Geburtstag feiert.
Es sind goldene Erinnerungen. Doch wie aktuell sind diese Lieder noch? Oder verlagert sich der Aktivismus endgültig ins Internet, stirbt der Protestsong aus?
Die junge Frau aus dem New Yorker Stadtteil Staten Island hatte den heranrollenden Ruhm wohl kaum vermutet, als sie 1959 beim Newport Folk Festival im Alter von 18 Jahren ans Mikrofon trat. Ihr ein Jahr später erschienenes Solo-Album sollte zum Kassenschlager werden, beim Woodstock-Festival 1969 galt sie bereits als Star. 50 Alben brachte Baez während ihrer Karriere allein in USA heraus.
Schnell wurde die Unbekannte mit dem zarten Gesicht, dem dunklen Haar und dem hellen Sopran zur madonnenhaften Gestalt, zur musikalischen Friedensstifterin. Den damals noch unbekannten Bob Dylan habe bei ihren Konzerten erst niemand hören wollen, erinnert sich Baez.
Während auch Dylans Karriere durch die Decke schoss und die Beziehung der beiden in die Brüche ging, bewahrte Baez sich ihren politischen Aktivismus, den sie bei ihm oft vermisste. „Ich bekam Angst, was passieren würde, wenn ich ins Räderwerk des Kommerz geraten würde“, sagte Baez damals. Nach ihrem Leben als Star gefragt, antwortete sie: „Wenn ihr Etiketten braucht, dann wäre ich als Erstes ein Mensch, als Zweites Pazifistin und als Drittes Folk-Sängerin.“
Chile, Argentinien, Kambodscha – stets waren es die Rechte der Unterdrückten und Bedrohten, die Baez umtrieben. 1972 sang sie an Weihnachten aus einem Luftschutzkeller in Hanoi, später trat sie im Westjordanland und im Gaza-Streifen auf, 1989 unterstützte sie die „Samtene Revolution“ in Prag. Bis heute, wo ihre schwarzen, langen Haare weiß und kurz geworden sind, bleibt die Botschaft politisch.
Doch was, wenn die alten Balladen verklungen sind? Die Demonstranten, die wegen Todesschüssen weißer Polizisten auf Afroamerikaner auf die Straße ziehen, stimmen weder „We Shall Overcome“ noch „The Night They Drove Old Dixie Down“ oder „Oh Happy Day“ an. Auch die Spirituals der Sklavenbefreiung wie „Kumbaya“, die Baez’ Anhängern einst Kraft spendeten, fehlen im Repertoire. „Wer wird die neue Joan Baez? Niemand“, sagt Joan Baez. Sie dürfte recht behalten.
