Oldenburg - Kaum ist Christian Firmbach so richtig ins Tagesgeschäft in Oldenburg eingestiegen, da geht der neue Generalintendant schon wieder auf Stimmenfang. Hat er das nötig? Er ist schließlich gerade erst zum Intendanten gewählt worden. „Doch, doch“, sagt Firmbach. „Jedes Theater braucht Stimmen, viele und gute – fürs Publikum.“ Aha. Stimmen von Sängern also.
Für solchen Stimmenfang geht Firmbach weite Wege. Stimmen sucht er zum Beispiel in Moskau. Da suchen viele. Aber er hat auch seinen Geheimtipp: Finnland. Dort suchen nicht so viele. „Die Finnen singen viel in ihrer Gesellschaft”, sagt Oldenburgs Theaterchef. Sie bringen sogar so viele Männerchöre auf die Beine wie kaum sonst wo in Europa: „Da lassen sich gute Bässe finden.“
Der Generalintendant war selbst Sänger, weshalb er „ein großes Herz für dieses Berufsbild” hat. Ausdruck der Wertschätzung ist das neue Opernstudio am Staatstheater. „Ein zartes Pflänzchen noch”, schränkt Firmbach ein. Es hat mit zwei „Azubis“ die Arbeit aufgenommen: Mit Anna Avakian (25), einer Sopranistin aus Saratov, und Alexander Murashov (25), einem Tenor aus Moskau. „Der schießt die Cs raus wie nichts“, lacht Firmbach.
Mal einspringen
Dem jungen Ausbildungszweig wird viel Bedeutung beigemessen. Keine Geringere als die neue Musik-Chefdramaturgin Steffi Turre hat die Leitung übernommen. Engagiert begleitet zudem die Erna-Schlüter-Gesellschaft das Projekt. Firmbach und Turre kennen neben dem Zauber gerade die Tücken des Opern-Genres. „Geringe Finanzen, kleine Ensembles, viele Rollen, viele Vorstellungen” setzen den Rahmen an vielen Häusern. Da geraten ausbaufähige junge Sängerinnen und Sänger zu schnell an reizvolle Herausforderungen, denen sie vom Stimmaufbau her noch nicht gewachsen sind.
„Wenn einmal ein Schnitzer in der Stimme ist, lässt sich der nicht mehr reparieren”, erklärt Firmbach. „Man muss den Sängern den Atem geben, sich in Ruhe entwickeln zu können.“ Also baut Oldenburg jetzt „eine Pufferzone, über die die Leute behutsam ins Profigeschäft geleitet werden”. Die Praxis ist die beste Schule. Anna und Alexander werden nicht nur technisch gestimmt, sie besetzen auch kleine Rollen, erhalten Tipps, doppeln manche Partien. Etwa in Mozarts „Figaro”, der im Juni 2015 heraus kommt. Annas offizielle Rolle: Barbarina. Mit einstudierte Rolle: Susanna. Im Notfall können sie einspringen, wenn jemand ausfällt. „Da müssen wir nicht sofort einen Gast holen”, verweist Firmbach auf einen Nebeneffekt. „Aber das muss maßvoll geschehen, da bin ich fürsorglich.“
Aktuell singen die beiden Russen im „Falstaff” die Nannetta und den Bardolfo, Rollen, die sonst aus dem Chor besetzt würden. Ein Loblied auf die Institution Opernstudio singt die Mezzosopranistin Hagar Sharvit, festes Ensemblemitglied und derzeit im „Hercules” im Einsatz. „Gerade die Zusammenarbeit mit den gestandenen Sängern hat mir in meiner Entwicklung sehr geholfen”, bewertet die Israelin ihre Zeit im Studio der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf/Duisburg.
Stilistischer Schliff
Natürlich steckt auch Firmbach in den Zwängen des Spielplans, im Dilemma zwischen Wollen und Vermögen. Die großen Opern sind nicht auszuklammern. „Der ,Fliegende Holländer’ wäre hier mal wieder dran”, sinniert er. Doch dabei ist klar: „Da müssen wir begrenzt Sänger dazukaufen.“ Ob an seinem Haus die Talente selbst in solche Rollen wachsen können, ist eher unwahrscheinlich. Wer sich gut entwickelt, weckt anderswo Begehrlichkeiten. Da hat Oldenburg einen Ruf als Talentschmiede.
Also auf nach Russland oder Finnland. „Im Osten wird viel ausgebildet“, weiß Firmbach. „Da finden wir vitale Stimmen, aber sie brauchen viel stilistischen Schliff und oft auch größere Fremdsprachen-Kenntnisse.“ Die Finnen seien da für den Westen kompatibler, auch weil sie nicht so slawisch klingen. Es gibt noch mehr Varianten. Etwa London. „Da höre ich die Abgänger von Covent Garden”, deckt Firmbach weitere Pläne auf.
