Oldenburg - Die Grenzen überschreiten – Justizbeamte tasten die Filmfestgäste ab, scharfe Gegenstände und Ausweise müssen vorne bleiben. In Begleitung der Gefängniswärter geht es weiter.
Die Grenze in die Justizvollzugsanstalt überschritten am Sonntag auch die Macher der dreiteiligen Serie „Gottlos – Warum Menschen töten“, sowie etwa 120 Zuschauer. Auch Gefängnisinsassen nahmen an der Premiere teil. Zum zehnten Mal öffnete die JVA im Rahmen des Internationalen Filmfestes die Sicherheitstüren. „Diese Menschen werden wieder unsere Nachbarn sein“, erklärt Anstaltsleiter Gerd Koop. Freie und Gefangene saßen nebeneinander und demonstrierten, wie klein die Grenzen sein können.
Die Serie erscheint ab Winter auf RTL II, und sie hört da auf, wo der übliche Krimi anfängt; nämlich bei der Geschichte, die einen Menschen zum Mörder machen kann. Der eine oder andere sieht nach der Serie „nicht mehr nur schwarz-weiß, und kann gewisse Verurteilungen ablegen“, wie Polizeipsychologin Claudia Brockmann sagt.
Antonio Wannek, einer der Hauptdarsteller, war sich zuerst nicht sicher, wie die Inhaftierten auf den Film reagieren würden, ob sie zusammenbrechen oder wütend werden. „Im Nachhinein“, denkt er, „ist es eine gute Sache. Der Film macht den Mörder zu einem Menschen.“ Er selbst wuchs in einem gewaltsamen Viertel auf, Berlin Kreuzberg. „Ich lag abends im Bett und habe daran gedacht, wie viele Kinder und Frauen gerade misshandelt werden“, erzählt er. Diese Lebenserfahrung setzt er in der Schauspielerei ein: „Daraus kann ich jetzt etwas Gutes schaffen.“
In der Serie spielt Wannek einen gewalttätigen Biker, der seine Freundin schlägt. „Die beiden ziehen sich an, wie das Licht eine Fliege“, erklärt er, „wer ist Schuld, wenn etwas passiert – die Lampe?“, fragt er, und eine Antwort gibt es darauf so schnell nicht.
„Verstörend und pervers“, finden ein paar wenige Zuschauer. Sie sind von der Brutalität der Serie überrascht. „Wir wollen versuchen, die Menschlichkeit zu verstehen“, entgegnet Regisseur und Autor Thomas Stiller. „Mord kostet Leben und ist blutig,“ sagt er. Die Realität wiederum zu verschönern, führe am Ziel vorbei, um genau diese Abgründe eines Menschen zu zeigen. „Der Film ist immer noch eine Kunstform, und er sollte auch verstörend sein dürfen“, so Stiller.
Beim Dreh hatte er alle Freiheiten, konnte dadurch seine „eigene Handschrift“ hinterlassen und „glaubwürdige Welten“ schaffen.
Andreas Wohler (Oldenburg) hingegen ist – wie viele andere – begeistert von der Echtheit der Serie: „Man konnte nachvollziehen, wieso die Menschen ihre Grenzen erreicht haben.“ Er fragt sich nur: „Warum fühlen sich die Täter gezwungen zu töten, und sehen keinen anderen Weg mehr?“ Den Film in der JVA zu sehen, fand er besonders spannend, um einmal selber die Grenzen überschritten zu haben, besuchsweise.
Antonio Wannek, der sonst große Filmfestivals wie die Berlinale gewohnt ist, findet es in Oldenburg sehr entspannt: „Hier hat man keine Berührungsängste, und alle sind so locker“, schwärmt er.
