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NWZonline.de Nachrichten Kultur

LITERATUR: Aus dem Knast zur Kultur

19.09.2009

HAMBURG Man sieht ihn vor sich, diesen Siegfried Lenz, wie er genüsslich eine Pfeife anzündet und schmunzelt. Wie seine blauen Augen blitzen. Wie er nach Antwort auf eine Frage sucht und klug erwidert. Und man kann ihm ansehen, wie zufrieden er ist.

Siegfried Lenz ist 83 Jahre alt. Er fühlt sich krank, das Gehen fällt ihm schwer, kürzlich wurde er am Rücken operiert, vor Jahren starb seine allesgeliebte, gern auch als persönliche Lektorin verehrte Frau. Schon etwas früher fiel so mancher Kritiker über den alten Mann her nach der Devise: Lenz veröffentlicht zwar noch Buch für Buch, habe sich aber längst ausgeschrieben, sei für die deutsche Literatur erledigt.

Hübsche Studentinnen

Das war, mit Verlaub gesagt, Unsinn. Lenz hat schon mit „Schweigeminute“ 2008 seinen Kritikern eine donnernde Antwort erteilt. Gleichzeitig hatte er die literarische Form seines Alters gefunden. Es ist die mittellange erzählerische Form, die Novelle.

Im neuen Buch erzählt Lenz aus der Sicht von Clemens. Der war Professor. Und hätte er nicht – angeblich! – hübschen Studentinnen nach einschlägigen Diensten zum stets guten Examen verholfen, er wäre noch der Spezialist für Sturm und Drang. Nun hockt der Germanist in der Zelle von Isenbüttel, grübelt über Literatur oder seinen seltsamen Zellengenossen Hannes. Der nennt ihn nur Professor und flüchtet mit ihm eher zufällig aus der Anstalt. Man nutzt den Besuch einer „Landesbühne“, so auch der Titel des Werkes, im Gefängnis. So juckelt kein dreckiges, eher ein kulturbeflissenes Dutzend mit dem Bus der Bühne aus dem Knast nach Grünau.

Wie in einer kuriosen Fantasie werden die Kleinkriminellen in dem fiktiven Nest für Schauspieler gehalten, zumindest für Kulturkundige, die Chor und Heimatmuseum aufbauen und als Vortragskünstler reüssieren können. In der Öffentlichkeit versteckt es sich offenbar gut.

Das gelingt alles lange Zeit und im Mitwissen der Dorfbewohner, ja sogar seltsamerweise des Gefängnisdirektors. Alle spielen die hübsche Show mit. Als die Kantonisten doch wieder in den Knast einfahren, ist das längst nicht das Ende einer unterhaltsamen, auch mal grotesken Geschichte, die Samuel Becketts „Warten auf Godot“ zitiert.

Die Provinz lebt

Lenz entwickelt eine Komödie im ländlichen Raum, in der Jan Fedder mitwirken könnte. Aber er landet nie in der billigen Posse. Er zeigt in Schelmenprosa, wie die Provinz überall sein könnte. Lächelnd spielt er mit Namen (der J. M. R. Lenz, der Stürmer und Dränger? – „ein armer Hund Lenz“), ein Verlag heißt Hoffmann und Breitner (Lenz veröffentlicht bei Hoffmann und Campe).

Zweifellos kann man das Buch auch auf einer anderen, tieferen Ebene lesen. Etwa als leichtes Labyrinth, als Ausflug des Fantastischen ins Wirkliche, als Lebens-Bühne, als Wechselspiel mit Identitäten. Und man kann sich einfach erfreuen an einer zügig wegzulesenden Novelle, die man nicht so schnell vergisst. Die Hymne auf die Wechselfälle des Lebens glänzt durch herzliche Wärme und berührende Bilder. Ein kleines Werk, gewiss, aber eines großen Schriftstellers.

Dr. Reinhard Tschapke Redaktionsleitung / Kulturredaktion
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