Von Reinhard Tschapke

OLDENBURG - In den vergangenen Jahren hat das Interesse an seiner Person das an seinem Werk überlagert. Der Mann machte dem Klischee vom genialen, aber eventuell wahnsinnigen Künstler alle Ehre. Sein Leben brannte ab wie ein Fackel. Er schürte Skandale, trieb es mit Prostituierten, ehelichte eine 30 Jahre jüngere Bulgarin, konsumierte Drogen, leidet an einer seltenen, unheilbaren Nervenkrankheit, hockt im Rollstuhl, lässt sich für „Bild“ mit seinem Gerhard-Schröder-Porträt wirksam ins Bild rücken, wobei nicht wenige meinen, das Gemälde Schröders sei so ähnlich schon einmal zu sehen gewesen – als Breschnew-Bild auf dem letzten KPdSU-Parteitag.

Wie auch immer: Nun zeigt Oldenburgs Horst-Janssen-Museum auf zwei Etagen eine Wanderausstellung mit einer großen Auswahl des druckgrafischen Werks dieses deutschen Ausnahmekünstlers. Leider kann er nicht zur Eröffnung der Schau am Freitag kommen.

Immendorffs Grafik scheint attraktiver als Horst Janssens Arbeiten im gleichen Haus. Aber das ist natürlicher ein übler, ungerechter und gemeiner Satz, den man gleich wieder vergessen sollte. Indes: Immendorff fängt und fesselt schon im ersten Moment. Die großflächigen Grafiken überraschen. Die wilde Art nimmt ein. Das Direkte und Dynamische fasziniert. Immendorff ist auch mal grob – zum Sujet, zu Farben. Er hat Lust auf Politik, Geschichte und Gegenwart. Figurenreich werden sie alle versponnen: Politiker, Künstler, Prominente. Man sieht Immendorffs Grafiken, spürt seine engagierte Art, denkt an Agitprop.

Tatsächlich setzt er ja gern und ausführlich auf wiederkehrende Zeichen. Und unser Bundesadler scheint neben der Biene und dem Maleraffen sein liebstes Tier. Selbst in den berühmten, riesigen Café-de-Flore-Szenen, in denen sich beim Nähern immer mehr Bilder im Bild ergeben, taucht das Vogelvieh auf – oft genug ziemlich gerupft. Sich selbst versteckt der Meister gern großnasig, aber erkennbar. Neben ihm finden sich identifizierbar der alte Künstler-Kumpel A. R. Penck oder sein Lehrer Beuys.

Die Privatmythologie mit guten Kartoffeln als Kunstsymbol findet sich wieder und wieder. Doch auch die reine Oberflächliche lässt sich bei Immendorff einfach als buntes, expressives Suchbild genießen. In späteren Arbeiten strotzt der Kosmos des Künstlers übrigens vor kunsthistorischen Anspielungen.

Aufmerksam sollte man den an William Hogarth angelehnten Zyklus „The Rakes Progress“ studieren. Nicht nur dort wird deutlich, dass Immendorff von der Kunst des Bühnenbilds kommt, dass er Möbel und Figuren auf der Bühne hinstellt, wie ein Regisseur die Szenen probt. In den Hogarth-Grafiken wird kenntnisreich dem moralischen Publikum der allfällige Niedergang eines Liederlichen geschildert – mit nötiger Distanz und gehörigem Witz. Nein, gemütlich und angepasst ist dieser Künstler nie gewesen. Und wird es, so wie es aussieht, wohl auch nicht mehr werden.