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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Lyrikerin der Vergessenheit entrissen

06.12.2019

Bremerhaven Für eine Frau mit dem Namen Lisel Mueller ist es nicht leicht, berühmt zu werden, zumindest in Deutschland. Schnell denkt man an Lieschen Müller, die Durchschnittsdeutsche. In den USA ist eine Frau mit ebendiesem Namen weitaus bekannter: 1997 hat sie den Pulitzerpreis für Dichtung erhalten. Dass Lisel Mueller die einzige in Deutschland aufgewachsene Frau ist, die mit diesem renommierten Preis ausgezeichnet wurde, weiß hierzulande kaum jemand.

Um dies zu ändern, widmet das Deutsche Auswandererhaus in Bremerhaven der Dichterin derzeit die Ausstellung „So far, so good: die vergessene Pulitzer-Preisträgerin Lisel Mueller“. Wobei „vergessen“ nicht ganz richtig ist: Eigentlich war sie hier ja nie bekannt.

Lisel Mueller wurde 1924 als Elisabeth Annelore Neumann in Hamburg geboren. Ihr Vater Fritz, ein politisch engagierter Reformpädagoge, floh 1937 vor den Nationalsozialisten in die USA. Lisel, ihre Schwester und ihre Mutter folgten 1939.

Zur Ausstellung

Die Sonderausstellung „So far, so good: Die vergessene Pulitzer-Preisträgerin Lisel Mueller“ im Deutschen Auswandererhaus in Bremerhaven ist noch bis Sonntag, 5. Januar, zu sehen. Eine Führung mit Kuratorin Lina Falivena gibt es am Freitag, 3. Januar, 15 Uhr.

Die Ausstellung knüpft an das Gedicht „Curriculum Vitae“ an, das in dem Werk „Alive Together. New and Selected Poems“ erschienen ist. Für den Band erhielt Lisel Mueller den Pulitzerpreis. Die Gedichte und Texte in der Ausstellung sind in deutscher Übersetzung zu lesen, auch Interpretationen dazu gibt es.

Der Eintritt in die Ausstellung ist im Eintrittspreis für das Deutsche Auswandererhaus enthalten. Die Schau kann nicht separat besucht werden.

„Sie ist keine klassische Exillyrikerin“, sagt Lina Falivena, Mitarbeiterin am Auswandererhaus und Co-Kuratorin der Ausstellung, denn nicht die Auswanderung sei der Ausgangspunkt von Muellers’ Schreiben gewesen, sondern der Tod der Mutter 1953. Lisel, die seit der Heirat mit ihrem amerikanischen Ehemann 1943 Mueller hieß, war damals 29 Jahre alt und verfasste ihr erstes Gedicht aus einem therapeutischen Impuls heraus. Fast 40 Jahre später schrieb sie in einem Essay: „Nach diesem kleinen, furchtbaren Gedicht, das so schwer zu schreiben war, wusste ich, dass ich niemals würde aufhören wollen zu dichten.“

Im Selbststudium brachte sie sich in den folgenden Jahren das Dichten bei – sie schrieb auf Englisch, ihrer Zweitsprache –, verfasste Lyrikrezensionen, war eine der Gründerinnen des Chicago Poetry Center, und ab den 70er Jahren hagelte es Lyrikpreis um Lyrikpreis.

Wie kann es also sein, dass diese erfolgreiche Lyrikerin hier kaum bekannt ist, trotz ihrer deutschen Wurzeln? „Das liegt wahrscheinlich daran, dass es kaum deutsche Übersetzungen von Muellers Werk gibt“, sagt die Kuratorin, „allerdings verstehe ich das nicht, da ihre Gedichte sehr zugänglich sind.“ Zwar sei Muellers Lyrik amerikanisch, sprich: Ihre Lebenswelt in den USA ist in ihren Gedichten erkennbar. Da sie aber in ihrem Werk stets Bezug nimmt auf ihre deutsche Vergangenheit, sei es um so verwunderlicher, dass Muellers Werk in Deutschland bislang kaum Beachtung gefunden habe.

„Sie hat in ihrem Werk viel aufgearbeitet, auch deutsche Geschichte“, sagt Falivena. Zum Beispiel: die Fluchterfahrung; die Anspannung innerhalb der Familie vor der Emigration, nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten; die Fremdheitserfahrung, die Migranten oft machen. In ihren Texten bezeichne sie Hamburg oft als „my city“, „aber als sie 1984 für einen Besuch an ihren Geburtsort zurückkehrte, fühlte sie sich doch fremd“.

Die Schau wurde als „begehbares Gedicht“ konzipiert: Anhand von Muellers Gedicht „Curriculum Vitae“ (deutsch: „Lebenslauf“) werden einzelne Stationen ihres Lebens aufgezeigt. Fotos, Bücher, Manuskripte sowie für Mueller wichtige Erinnerungsstücke – etwa die Brosche ihrer Großmutter, die mit dem Großvater in Deutschland zurückblieb, und natürlich der Pulitzerpreis – ergänzen die Ausstellung. Diese Mischung aus verschiedenen Zugängen weckt Emotionen bei den Besuchern: „Viele Leute sind offenbar sehr berührt“, hat Falivena bemerkt.

Die Idee zu der Ausstellung hatte der Journalist Benno Schirrmeister („taz“), der bei seiner Recherche nach unbekannten Lyrikerinnen auf die Geschichte Lisel Muellers gestoßen ist, an das Deutsche Auswandererhaus herangetragen. Das Vorhaben, die Dichterin, die heute 95-jährig in einem Seniorenheim bei Chicago lebt, in ihrem Geburtsland bekannter zu machen, scheint erste Früchte zu tragen: Ende November hat Lisel Mueller das Bundesverdienstkreuz erhalten.

Nathalie Meng Volontärin, 3. Ausbildungsjahr / NWZ-Redaktion
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