Bad Zwischenahn - Eine Stimme aus dem Dunkel macht dem Publikum im vollbesetzten Saal der Wandelhalle in Bad Zwischenahn klar: Der Mensch ist heute eine durchsichtige Kreatur. Heinz Rudolf Kunze „warnt“ die Anwesenden vor den tausenden von Sensoren, die im Fußboden der Wandelhalle alle Regungen registrieren und analysieren. Man möge sich also zurückhalten – außer beim Applaus.
Es folgt ein Stakkato an bissigen, satirischen, ja auch zynischen und sarkastischen Bemerkungen und Liedern von Kunze. Auch die AfD lässt er nicht außen vor.
Rätselhaft und hintergründig sind manchmal seine Texte. Er ist sicher, dass der liebe Gott, um alles zu sehen, inzwischen sogar den Video-Beweis anwendet. Die Musik kommt an beim „mittelalterlichen“ Publikum.
Aus seinem Studioalbum „Deutschland“ singt er von der „Alten Piccardie“ an der holländischen Grenze, wo er zur Volksschule gegangen ist und sein Vater Schulmeister war. Heute ein Ortsteil in der Grafschaft Bentheim und siehe da: Es gibt Menschen in der Wandelhalle, die extra aus Piccardie gekommen sind, um Kunze zu sehen.
Der Vollblutmusiker wechselt immer mal wieder die Gitarre, geht zwischendurch ans Klavier und lässt sich das ungeliebte „Mundharmonika-Gestell“ umbinden. „Ich weiß nicht, wie Bob Dylan, das all die Jahre ausgehalten hat“, sagt er und er legt ein minutenlanges Mundharmonika Solo hin. Das Publikum ist begeistert. Für die Zukunft sieht er voraus, dass die USA ersticken, die EU zersplittern und der Nahe Osten ein Pulverfass wird. „Und Afrika versinkt im Mittelmeer“, sagt er vielsagend. „Wir tun, als ob wir von unserer Welt noch zehn im Schrank hätten“, mahnt er die Anwesenden. Es geht auch um Urin-Fälschung im Sport. Irgendwann erwacht er in einer „karibischen Toilette“ im Schwarzwald auf und wird gezwungen, Urinproben abzugeben, die anstelle derer von Spitzenbiathleten aus exotischen Ländern den Kontrolleuren „untergeschoben“ werden. „Wenn also ein Land gewinnt, dann war ich das“, gibt er zum Besten.
Kunze ist sowohl in seinen Liedern als auch in seiner Lyrik, seinen Gedichten und seiner Literatur kämpferisch und leidenschaftlich, humoresk, rockig und emotionsgeladen. Der Musiker, Germanist, Literat, Übersetzer und Musikjournalist rockt die Bühnen in Deutschland. Die Fans in der Wandelhalle freuten sich über alte und neue Songs im neuen Gewand. Knapp drei Stunden unterhielt der Einzelkämpfer über 400 Menschen in der Wandelhalle mit einem Sinnkracher nach dem anderen – ohne Pause. Songs, die von Schicksalsergebenheit ebenso erzählen wie von unbeugsamen Trotz.
