Navigation überspringen
nordwest-zeitung
Abo-Angebote ePaper Newsletter App Prospekte Jobs Immo Trauer Shop

Kunstaktion Die Künstler und die Kranken

Reinhard Tschapke

BAD ZWISCHENAHN - Die Nase ist platt. „Da habe ich zu viel abgehauen“, grinst der Mann in blauem T-Shirt und weiter Jogginghose. Er ist ein Patient der Karl-Jaspers-Klinik für Psychiatrie, und der leicht pummelige 47-Jährige will weder seinen Namen genannt haben noch sein Bild gedruckt sehen.

Seit Tagen macht er mit. Er haut an einer kleinen, dicklichen Skulptur herum, die sich erkennbar als Kind aus einem Stück Eiche herausschält. „Er war irgendwann da“, erinnert sich der Bremer Künstler Markus Keuler (42), einer von fünf Teilnehmern der „Skulpturale“. „Und der Mann ist begabt, der hat bestimmt früher mal was Kreatives gemacht“, meint Keuler.

Früher – das war vor der Krankheit. Tatsächlich war der Mann im blauen T-Shirt mal ein Werbefachmann. „20 Jahre war ich wie ein Hamster im Rad aktiv, habe geschuftet.“ Das berufliche Rad drehte sich immer schneller. Früher, erzählt er mit großen Augen, konnte man eine Präsentation noch in sechs Wochen vorbereiten. Heute soll es in acht Tagen funktionieren. Und bitte perfekt. Doch irgendwann war Schluss. Zusammenbruch, Klinik. Burnout?

„Mehr“, sagt er und kloppt noch mal mit Knüpfel und Gummihammer auf das harte Holzkind ein, „das war viel mehr als ein Burnout, das war ein totaler Zusammenbruch.“

Hauen und schnuppern

Jetzt ist er seit fünf Wochen in Wehnen in Behandlung. Alle Gedanken müssten umgestellt werden, hat ihm ein Psychologe erklärt. In fünf Wochen geht so was nicht. Er muss ja anders denken lernen.

Fragt man ihn nach dem Sinn der „Skulpturale“, dieses mehrtägigen Aufeinandertreffens von Künstlern und Kranken auf dem Freigelände der Jaspers-Klinik, nach einer Veranstaltung, auf der geschnuppert, gehauen und geredet werden darf, liefert der Mann im blauen T-Shirt das größte Lob, das er zu vergeben hat: „Nach nur einem Tag und dem Arbeiten mit Holz habe ich erstmals seit 20 Jahren wieder durchgeschlafen!“

Das Lob kann man an die Holzbildhauer weitergeben. Klaus Effern, Gregor Gaida, Gunter Gerlach, Sieglinde Gros und Markus Keuler wussten, worauf sie sich einließen. Besser: Sie freuten sich sogar darauf, betont Beate Anneken, die künstlerische Leiterin des Erlebnisparks vor den Toren Oldenburgs.

Jeder Künstler hat auf dem Rasen der Klinik sein großes Zelt bekommen, auf einer Seite breit offen. Darin wird nun mächtig mit Holz gearbeitet, gekloppt, gesägt und gefeilt. Drum herum gucken mal mehr, mal weniger Patienten und andere neugierig zu.

Füße sortiert

Sieglinde Gros hat eben die Kettensäge angeworfen, um in grober Manier an einer hölzernen Menschengruppe zu schnitzeln. Die Köpfe der Holzgruppe sind in zwei Meter Höhe noch einzeln. Im Mittelbau ist die Gruppe körperlich merkwürdig zum Klumpen verwachsen, unten kommen die Füße ordentlich sortiert in Eiche zum Vorschein.

Markus Keuler schnitzt im nächsten Zelt aus einer 80-Zentimeter-Eiche den Kopf eines Menschen mit Down-Syndrom heraus. Wenn man ihn fragt, warum sein Werk seit Jahren vom Down-Syndrom beherrscht wird, antwortet er freimütig. Allerdings fallen die Antworten immer anders aus, lacht er.

Mal betont er, wie fremd, geheimnisvoll und doch irgendwie offen diese Down-Syndrom-Gesichter seien. Mal fühlt er, wir alle könnten uns was in puncto Lebensfreude beim Down-Syndrom abgucken.

Keulers Frau arbeitet in der Psychiatrie. Er selbst genießt jetzt den Umgang mit Patienten. Die fragen wie andere auch, sagt er. Manche kennen sich ein bisschen aus, wissen sogar, wie man mit der Holzfaser arbeitet. Und einer, zeigt er wieder ins große, für alle offene Zelt gegenüber, einer im blauen T-Shirt ist besser als alle anderen Patienten.

Jetzt muss Keuler aber erst mal in Werkzeugen wühlen. Die Ohren seiner Figur will er exakt hinbekommen, er sucht nach Stecheisen. Kollege Klaus Effern, früher mal eine Art Herrgottschnitzer im Oberbayerischen, werkelt nach eigenen Angaben an einer mächtigen aufragenden HipHop-Gestalt: „Kultur kommt von der Straße, das wird ein Rapper – nur ohne Musik“.

Wie ein Marterpfahl

Gunther Gerlach hat dagegen seinen rohen Baum erst mal lang hingelegt. Der Stamm werde intuitiv bearbeitet, erklärt er. Im Moment wirkt das Ding wie ein Marterpfahl. Vorhin sei einer vorbeigekommen („tätowiert bis zum Abwinken“), der habe das schon mal toll gefunden.

Kollege Gregor Gaida, der fünfte im Bunde der Künstler, ist gerade nicht da. Er wollte was schweißen, was auf dem Gelände nicht funktioniert.

Was hinhaut auf der Skulpturale, bringt der Mann im blauen T-Shirt, der so ruhig und sicher für Schnitte, Kerben, Grate sorgt, auf den Punkt: „Das macht richtig Spaß“. Die Arbeit, wenn man sie denn Arbeit nennen will, halte ihn von üblen Gedanken ab. Immer unter Druck, immer im Stress, kann er jetzt mal befreit zuschlagen. Ob’s gut wird? Oder schlecht? Ob die Skulptur was taugt?

Egal. Und die Plattnase? Haben Kinder nicht sowieso eine süße Stupsnase?

Forscher der amerikanischen Stanford-Universität stellten mal eine Gruppe normal begabter Menschen und eine Gruppe besonders kreativer Menschen einer Gruppe psychisch Kranker gegenüber. Sie fanden heraus, dass sich die Kranken und die Kreativen in ihren Fähigkeiten und in ihrer Persönlichkeit viel näher standen als man dachte.

Unter Generalverdacht

Und da haben wir noch gar nicht die Krankengeschichten großer Denker betrachtet, jener Persönlichkeiten wie van Gogh, Mozart, Beethoven und Leonardo da Vinci. Sie alle galten als schizophren oder depressiv und kaum als normal. Genie und Wahnsinn? Künstler stehen unter Generalverdacht.

Aber man braucht gar nicht so hoch zu greifen. Man kann einfach aufs Freigelände der Klinik gehen. Dort verschwimmen die Unterschiede, und die Überraschungen nehmen zu. Wer Patient ist, lässt sich nicht erkennen. Und das ist, um einen oft benutzten, indes passenden Satz zu gebrauchen, auch gut so.

Die für alle offene

„Skulpturale“ läuft bis zum 3. Juni auf dem Freigelände der Karl-Jaspers-Klinik (Bad Zwischenahn, Hermann-Ehlers-Str. 7). Sie ist ein Erlebnispark mit Künstlern, die Holzskulpturen schaffen. . Es handelt sich um eine Kooperation der Oldenburger Werkschule und der Klinik. Die lebensgroßen Werke sollen ein Jahr auf dem Gelände bleiben.  @ Infos und Anmeldung für Workshops:

http://www.werkschule.dewww.karl-jaspers-klinik.de

Themen
Artikelempfehlungen der Redaktion
Dortmunds Karim Adeyemi (Mitte l) in Aktion. Der BVB setzt sich ein zweites Mal gegen Paris Saint-Germain durch und steht damit im Finale der Champions League.

SIEG GEGEN PARIS SAINT-GERMAIN Dortmund steht im Finale der Champions League

Heinz Büse Jan Mies
Paris
Ein Wahlplakat des sächsischen SPD-Spitzenkandidaten zur Europawahl, Matthias Ecke hängt an der Schandauer Straße im Stadtteil Striesen an einem Laternenmast. Der sächsische SPD-Spitzenkandidat zur Europawahl, Matthias Ecke, ist beim Plakatieren im Dresdner Stadtteil Striesen angegriffen und schwer verletzt worden. Beim Befestigen von Wahlplakaten am späten Freitagabend schlugen vier Unbekannte auf den 41-Jährigen ein, wie Polizei und Partei am Samstag mitteilten.

SCHUTZ VON POLITIKERN Innenminister wollen schärfere Strafen prüfen

Dpa
Potsdam
Sie geben Orientierung im Evangelischen Krankenhaus (v.l.) Andreas Hoppe, Elli Fitzner, Gertrud Wessel-Terharn und Pastorin Anke Fasse.

EVANGELISCHES KRANKENHAUS IN OLDENBURG Sie geben Orientierung und Sicherheit im Krankenhaus-Dschungel

Anja Biewald
Oldenburg
Kommentar
Oliver Braun

ZUR ABSAGE DES DEMOKRATIEFESTES IN SCHORTENS Ideologiebefreit Probleme lösen

Oliver Braun
Verfolgt seinen Plan: Oldenburgs Cheftrainer Pedro Calles (links) spricht mit Deane Williams.

VOR AUSWÄRTSSPIEL IN ULM Baskets-Coach Pedro Calles blendet Rennen um Platz acht aus

Niklas Benter
Oldenburg