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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Kunstmarkt: Mit starkem Willen und klarem Kopf

07.06.2019

Bad Zwischenahn Letztlich besteht unser Leben aus Anekdoten. Vor Jahren hatte der Galerist und Künstler Puck Steinbrecher zum Beispiel mal besondere Kunden. Genauer gesagt: ein Ehepaar. Er war Oberarzt irgendwo im Oldenburgischen. Steinbrecher fuhr hin und wollte das bestellte Gemälde an der Wohnzimmerwand anbringen. Aber, erzählt Steinbrecher, dann habe sich das Paar plötzlich furchtbar gefetzt. Wie die Kesselflicker. Da spielte die Kunst keine Rolle mehr. Nach einem kräftigen Wort ging Steinbrecher. Mit Bild. Das Paar stritt weiter.

Oder die Geschichte vom Bankdirektor, der begeistert ein Gemälde für 3800 D-Mark kaufen wollte – aber am nächsten Tag über den Anruf seiner Sekretärin es mit 2000 Mark versuchte. So als sei man auf dem Basar in Kairo.

Horden von Selbstmalern

Oder warum Puck Steinbrecher eigentlich Puck und nicht mehr Günter heißt (bleibender Spitzname aus der Schulzeit). Oder wie er ein Bild aus Versehen einmal zweimal verkaufte. Oder wie er als stundenweise Aushilfe in der Galerie Moderne in Bad Zwischenahn anfing, in jener Galerie, die ihm heute gehört.

Wahrlich, das Leben besteht aus lauter Anekdoten. Das Künstlerleben sowieso. Steinbrecher ist Künstler und Galerist und entschiedener Vielerzähler. Er residiert in seiner Galerie am Bad Zwischenahner Meer, genauer: in Eyhausen. Am Delf heißt die Straße. Vor dem Eingang der Galerie ist eine kuscheliger Bootshafen. Hinten in der 312-Quadratmeter-Galerie blickt man aufs Meer. Ein Dampfer fährt auf dem See rum und legt auch in Eyhausen an. Viele terrassenförmige Wohnungen bilden hier Hochhäuser, es ist eine vornehme Gegend mit nicht gerade allerjüngsten Anwohnern.

Wohnen und Arbeiten, sagt er beim Kaffee mit Blick aufs Meer, habe er bewusst getrennt. Steinbrecher ist in Ekern, ein paar Dörfer weiter privat zu Hause. Die Galerie lebt von ihm und mit ihm. Er ist das Herz des Hauses. „44 Jahre Galerie Moderne“ hat er die neue Schau getauft. Es sollte, erklärt er lachend, durch die Schnapszahl einfach mal ein anderer Titel sein.

Die goldenen Zeiten seien für Galerien längst vorbei, damals, als der „Röhrende Hirsch“ noch gegen moderne Kunst getauscht wurde, als es wenig Konkurrenz gab und die Steuern niedrig waren. Zudem gäbe es leider „Horden von Selbstmalern“. Und der häufigste Satz, den er von Kunden inzwischen hört, ist der: „Die Wände sind voll.“

Zwei- bis dreimal in der Woche, schätzt Steinbrecher, erhält er sogar Anfragen, ob er seine Werke nicht zurückkaufen wolle. Sammler sind alt geworden oder gestorben. Erben wissen nicht, wohin mit der Kunst. Was liegt näher, als es dem Künstler wieder anzubieten?

Steinbrecher kauft nichts zurück, spürt aber die Krise des Marktes. Und jungen Leuten sei die Kunst sowieso egal: „Die gucken nicht auf Originalität. Die kaufen Tapete bei Ikea.“

Herr Neureich und Frau Goldkette, fügt er zynisch an, erstehen, was gerade hipp ist. Wie kann es einem Künstler in so schlechten Zeiten überhaupt noch gut gehen? Steinbrecher lächelt. „Ich habe mich abgerackert und mir mit den Jahren einen Namen gemacht. Ich bin rumgereist, habe nie locker gelassen. Heute bin ich in 25 Galerien international präsent. Ich ernte die Früchte von Jahrzehnten.“

In der eigenen, längst abbezahlten Galerie verhält er sich souverän wie ein Fremder: „Wenn ich nur die eigenen Bilder zeigen würde, könnte ich kein Galerist sein.“ Hinten in der Galerie steht ja kein Steinbrecher-Fließband.

Und wie wählt er andere Künstler aus? „Ich muss den Künstler so gut finden, dass ich mir selbst ein Bild von ihm kaufen würde.“ So einfach kann das Komplizierte sein. Steinbrecher ist ein klarer Typ. Keiner wird ihm nachsagen, dass er zu intellektuell ist. Oder zu unrealistisch denkt. „Mir liegt das Geniale nicht in den Genen. Ich habe einen guten Kopf und einen starken Willen“, hat er mal gemeint. Mit 69 weiß er, dass er irgendwann den Zenit der Pinselkunst überschreitet. „Ich will nicht wie einst die Marika Rökk noch das Röckchen heben, wenn es nicht mehr schön ist, das Röckchen zu heben“, grinst er.

Sich schütteln

Steinbrecher malt leicht realistisch, ausgehend von einer Landschaft findet er zu freien Formen. Kunst, die man erst groß als Kunst erklären muss, ist für ihn keine große Kunst. Neulich auf der Art Cologne hat er sich nach Stunden gefragt: „Wenn das Kunst ist, was mache ich dann?“ Als er von der Kunstmesse zurückkehrte, musste er sich erst mal „schütteln“. Einen Tag später ging er in seine Galerie, gleich nach hinten durch, wo sein Atelier ist. Er zog seine vor Farbklecksen steife Jeans an, stellte sich vor die Staffelei und machte, was er am besten kann und am liebsten macht: Er malte.

Dr. Reinhard Tschapke Redaktionsleitung / Kulturredaktion
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