Oldenburg/New York - Der Weihnachtsbaum vor dem Rockefeller Center in Manhattan ist deutlich spektakulärer als der auf dem Julius-Mosen-Platz. Doch das würde die New Yorker Ballettmeisterin Janet Wong so nie sagen. Sie liebt den Oldenburger Lamberti-Markt neben dem Schloss und schwärmt auch von dem Glühwein dort. Seit November hat sie mit der Oldenburger Ballett-Compagnie an dem Doppelabend „D-Man in the Waters/Generation Y“ gearbeitet.
Doch an den Wochenenden hat sie die Stadt erkundet, die sie als wohlhabend wahrgenommen hat: das Schloss, die aus ihrer Sicht besonders im Inneren beeindruckende Lambertikirche, das Degodehaus und das PFL. Auch das wieder eröffnete Augusteum hätte sie interessiert, doch die Zeit reichte einfach nicht, um alles anzuschauen. „Die Stadt hat ihren Charme und ihre Schönheit bewahrt, da sie im Zweiten Weltkrieg wenig zerstört wurde“, meint Janet Wong, die im Alter von 16 Jahren nach Europa gekommen ist, um in London Ballett zu studieren.
Geboren und aufgewachsen ist sie in Hongkong. Seit sie als Kind zum ersten Mal „Schwanensee“ sah, wollte sie Tänzerin werden. Nach dem Studium tanzte sie viele Jahre lang im Corps der Deutschen Oper in Berlin an der Bismarckstraße. Doch ihre Traumstadt war schon immer New York – und dort ist sie inzwischen angekommen und arbeitet als Ballettmeisterin und stellvertretende Direktorin in der berühmten Bill T. Jones/Arnie Zane Company.
Überdies wollte Janet Wong mit einem zeitgenössischen Choreografen arbeiten. Jones gilt in den USA als Tanz-Legende, und seine Choreografie „D-Mann in the Waters“ (frei übersetzt: Jeder steht im Regen) entstand Ende der Achtziger und soll Menschen ermutigen und Freude schenken, nach traumatischen Erlebnissen weiterzuleben.
Wie Burkhard Nemetz, Chef der Oldenburger Tänzerinnen und Tänzer berichtet, ist die Ballettcompagnie hier die erste in Europa überhaupt, die dieses Stück aufführt. „Genau zur richtigen Zeit“, wie er findet, denn die Menschen in dieser herausfordernden Zeit brauchten etwas, um Kraft zu schöpfen. Auch der Hamburger Ballettdirektor John Neumeier habe ihn in der Repertoireauswahl bestärkt.
Und da Nemetz auch Bill T. Jones kennt, schickte der seine stellvertretende Direktorin Janet Wong zum Einstudieren der Choreografie nach Oldenburg. In New York verantwortet sie als stellvertretende Direktorin der Company auch viele administrative Aufgaben, plant Auftritte und Tourneen. „In Oldenburg war es schön, sich einfach auf die Arbeit im Ballettsaal zu konzentrieren“, sagt sie und lobt das hohe Niveau und ambitionierte Training der Oldenburger Compagnie. Manchmal habe sie allerdings auch in zwei Zeitzonen gearbeitet und nach der Probe noch etwas für die New Yorker arrangiert.
Meistens habe es sie aber gereizt, die Stadtkultur zu entdecken. Sie war überrascht, in einer – verglichen mit New York – kleineren Stadt wie Oldenburg, ein so abwechslungsreiches kulturelles Leben zu entdecken.
Sie lobt auch die Freundlichkeit der Oldenburger. „Vielleicht waren sie alle schon in Weihnachtsstimmung“, meint sie über ihre Begegnungen in der Fußgängerzone oder auf dem Weihnachtsmarkt, wo sie sich häufig als die einzige wahrgenommen hat, die keinen europäischen Familienhintergrund hat.
Weihnachten feiert sie in Hongkong mit der Familie ihrer Mutter. „Es gibt viele Geschenke und viel Weihnachtsmusik.“ Darauf freut sie sich. Ende Februar kehrt Janet Wong nach Oldenburg zurück, denn am 3. März ist Premiere der „D-Man“ im Großen Haus des Staatstheaters.
