Oldenburg - Die Schiebetüren öffnen sich, ein schwüler Schwall Luft dringt in die Halle der Gepäckausgabe. Irgendwo da draußen bei den anderen Wartenden steht er, der Zwei-Meter-Mann, der sie hierher, auf die geschichtsträchtige Karibik-Insel, gelotst hat. Von Amsterdam über Panama nach Kuba sind Audiowolf geflogen. Ein langer Trip, der auf dem Rückflug noch zur Zerreißprobe wird. Aber davon später. Die Koffer sind da, es geht los: Zehn Konzerte in 14 Tagen. Die Musiker aus Oldenburg werden alles geben – und vieles zurückbekommen.
Treibende Schlagzeugrhythmen, jaulende Gitarrenriffs und über allem die Volumen gewaltige Stimme von Sänger Nils Gastmann: Fusion nennen Audiowolf ihren Stil schlicht, den sie seit 2011 auf die Bühnen von Konzerthallen und Festivals wie Omas Teich oder das Stemwerder Open Air bringen. Mit der Mischung aus 70er Jahre-, Alternative- und Desert-Rock sowie Grunge begeistern die Oldenburger nicht nur als Support nationale und internationale Bands, sondern eben auch jenen Hünen, der sie gerade vom Flughafen ins Hotel bringt.
Wenn Lord Bishop eine Vision hat, heißt das für die Oldenburger Rocker meist Koffer packen. Die Kuba-Vision hatte der US-amerikanische Musiker, den es 1995 von New York nach Europa zog, ziemlich schnell: Er sah ein Video aus dem ersten Audiowolf-Album „Lighting the Fuse“, beschloss kurzerhand mit ihnen aufzutreten und nach Kuba zu fliegen. Kontakte hatte Lord Bishop bereits; eine offizielle Einladung der Stadt Holguín für das Festival Romerías de Mayo folgte. Der erste Auftritt stand schon mal.
Kuba ist Offenbarung
Es geht vorbei an bunten Fünfziger-Jahre-Kreuzern, alten Prachtbauten und flanierenden Hauptstädtern. „Eine komplett andere Welt“, sagt Daniel. „Alles in Kuba ist Slowmotion – von jetzt auf gleich.“ Konzert? Irgendwann am Abend. Eher nachts. Bühnenaufbau? Lötkolben und Tape stehen bereit. Equipment? Selbstgebaut. Bühne kracht zusammen, Platzwunde, Krankenhaus? Konzert geht weiter. Kommentar vom Veranstalter: „I told them not to jump“, (zu deutsch: „Ich habs ja gesagt: Nicht springen“).
Die Gelassenheit, die Entschleunigung auf Kuba fasziniert die Oldenburger. „Kuba ist kein Kulturschock“, sagt Nils. „Kuba ist eine Offenbarung.“ Die Leute haben wenig Geld, aber viel Zeit. Kunst ist fast an jeder Straßenecke zu finden. „Und dann ist da Musik, Musik, Musik. Überall.“
Die Mangelwirtschaft des Alltags, die Regularien der Regierung, die Zweiklassen-Gesellschaft – beim Tanzen wird für die Kubaner all das zur Nebensache. Angepasst war Musik in dem sozialistischen System noch nie, erzählen Einheimische der Band. Verschiedene Musikrichtungen wie der Reggaeton, der von Puerto Rico in den späten Neunzigern nach Kuba schwappte, ist Ventil und Sprachrohr zugleich für die Castro-Gesellschaft. Immerhin das wurde ihnen gelassen. Doch wen es nach anderen Genres als Lateinamerikanisch dürstet, der bleibt auf dem Trockenen. „Der Drang nach Rockmusik ist groß”, sagt Daniel. „Hören kann man sie hierzulande fast kaum. Für die Regierung hat sie lange Zeit dem Feindbild entsprochen und die Welt von YouTube und Spotify bleibt für die Bevölkerung verschlossen. Kaum jemand hat hier Internet geschweige denn mobilen Datenzugang auf dem Smartphone.”
Bewegende Momente
Rund Tausend Zuschauer stehen vor der Bühne in Holguín. Während des einwöchigen Festivals verwandelt sich die Stadt im Osten Kubas in einen Schmelztiegel aus Kunst und Musik. Bunte Paraden ziehen durch die Straßen, Künstler präsentieren ihre Werke und Bands ihre Songs. „Big Bang“ fegt wie ein gewaltiger Wüstensturm über das Publikum. Füße stampfen, Hüften schwingen, Köpfe rollen. „Millionaire“ reißt die Kubaner endgültig in den Audiowolf-Sog und „The Beast Within“ lässt sie dort nicht mehr los. Die Medien werden auf die „Band from Germany“ aufmerksam. Zeitungsberichte und Radiobeiträge folgen. Menschen sprechen die Oldenburger plötzlich auf der Straße an. Und dann ist da diese Pressekonferenz. „Wie die letzten abgehalfterten Rockstars sahen wir aus“, sagt Sven im Rückblick und lacht.
Das Konzert am Vortag war lang, die Nacht kurz. Es sind fast 40 Grad. Audiowolf sitzen mit schwarzen Sonnenbrillen vor einem Pulk Journalisten und verstehen kein Wort. Spanisch, Englisch – alles redet durcheinander. Daniel wird vorgeschickt. Er ist noch der Fitteste in Sachen Sprache. Der 28-Jährige prescht vor, redet, antwortet – und plötzlich der Satz: „Wir sind alle Kubaner!“ Stille. „Mehr Emotionalität hätte in diesem Moment in diesen Raum nicht gepasst“, sagt Nils.
Bewegend ist auch der Moment, der das zweite Studioalbum entscheidend prägen wird. „Da war dieser eine Abend, erzählt Nils. „Wir haben in einem Park in Havanna ein bisschen gejammt.“ Ein Mann mit einem kleinen Jungen an der Hand schlendert auf sie zu, kommt mit ihnen ins Gespräch. Plötzlich tauchen Polizisten auf, packen den Mann, wollen ihn verhaften. Weil er angeblich die Touristen vergrault, weil er Drogen hat, weil er so spät mit seinem Sohn noch draußen ist – wer kennt schon den Grund. „Das war eine heftige Situation,“ sagt Nils. „So eine aggressive Staatsgewalt war mir bisher fremd.“ Irgendjemand drückt dem Jungen eine Gitarre in die Hand, damit er abgelenkt ist, damit er nicht sehen muss, wie die Polizisten seinen Vater angehen. Und dann macht es Klick – der Moment ist digital verpixelt. Ein Bild, auf dem nur ein kleiner Junge und eine Gitarre zu sehen sind und das gleichzeitig die Geschichte eines ganzen Landes symbolisiert. Ein Bild, über das Lord Bishop später sagen wird, „das ist das Cover eures nächsten Albums, das ist euer ‚Nevermind’!“
Neue Vision, neues Ziel
Die Schiebetüren öffnen sich, ein schwüler Schwall Luft dringt in die Wartehalle. Ein paar Gestalten liegen vor dem Panoramafenster am Boden. Panama. Neun Stunden Aufenthalt, bevor es weiter zurück nach Deutschland geht. Neun Stunden auf einem Flughafen, auf dem ein Sandwich und ein Wasser 20 US-Dollar kosten und es noch nicht mal eine Raucherzone gibt. Aber auch neun Stunden, um die Bilder aus Kuba noch mal vor dem geistigen Auge vorbei flackern zu lassen. Bilder, die nicht nur die nächsten Songs beeinflussen, sondern die vor allem auch im krassen Kontrast zur nächsten Tour stehen werden.
Noch in Kuba hatte Lord Bishop die Vision: USA. Der Klassenfeind für die einen. Die Heimat des Wüstenrocks für die anderen. Wenn Nils, Daniel, Sven, Christian und Niels nächstes Jahr im Mai ihre Koffer packen, werden sie Kuba zwar nicht im Gepäck haben – aber im Herzen.
