Im Nordwesten - Als ihn Vertreter der Landesvereinigung Milchwirtschaft gefragt haben, ob er in seinem Kuhstall Videos fürs Internet drehen möchte, dachte Dirk Cording nur: Was soll das denn? Kurze Filme sollte seine Familie aufnehmen, die den Alltag auf dem Hof zeigen. Dirk Cording als Moderator seiner eigenen Kuhstall-Show – für ihn nur schwer vorstellbar.

Heute reichen zwei Klicks im Internet, und jeder kann Dirk Cording und seinen 20-jährigen Sohn Malte dabei beobachten, wie sie die Mähmaschine erklären und die Arbeit auf dem Grünland verrichten. Und das in typisch nüchtern-norddeutscher Manier. Bei Dirk und Malte Cording sieht es aus, als sei es die alltäglichste Sache der Welt, eine Wiese zu mähen. Für Menschen, die mit der Landwirtschaft nicht täglich zu tun haben, kann es ein besonderer Einblick sein.

„Öffentlichkeitsarbeit wurde von den Landwirten oft vernachlässigt. Viele Menschen haben gar keine Ahnung, wie es auf einem Betrieb aussieht. Landwirte sind Unternehmer, und wir wollen unseren Kunden einen Einblick in den Betrieb gewähren“, sagt Dirk Cording. Er gibt zu: „Ich war immer ein bisschen skeptisch, was Facebook und Co. angeht, aber wenn man was erreichen will, muss man eben auch was machen. Ich habe mich also eines Besseren belehren lassen.“ Sein Sohn Malte fügt hinzu: „Außerdem haben wir ja nichts zu verbergen.“

Seine größte Sorge, sagt Cording, sei gewesen, dass die Bauern in den Filmen dargestellt werden könnten wie die Landwirte in der RTL-Sendung „Bauer sucht Frau“. My Kuh-Tube aber ist das genaue Gegenteil: Nicht ein Sender, der auf Einschaltquoten aus ist, entscheidet, was in den Filmen gezeigt wird. Die Landwirte selbst filmen, was immer sie zeigen wollen, sagen nur das, was sie auch sagen wollen und entscheiden selbst, wie sie sich in den Filmen kleiden und verhalten.

Deswegen wirken Dirk Cording und sein Sohn Malte in dem ersten Video über die Mäharbeiten wie ganz normale Leute von nebenan. Der Zuschauer merkt, dass die Landwirte als Moderatoren Neuland betreten und dennoch genau wissen, wovon sie reden. „Aber die tun sich alle schwer“, hat Dirk Cording festgestellt. Natürlich gucken er und seine Frau sich die Videos der anderen Landwirte an. „Na klar, da ist man ja auch neugierig“, sagt Bianca Cording. Auch wenn die Videos relativ kurz sind, steckt doch viel Arbeit in jedem Zweieinhalb-Minuten-Film.

Das größte Problem, sagt Dirk Cording: „Wir sind es gewohnt, schnell zu arbeiten und nicht, alles erst mal zu zeigen und zu erklären.“ Das glaubt man ihm sofort.

Und gerade deswegen sind die kurzen Filme aus dem Kuhstall bemerkenswert authentisch, mitunter unspektakulär, immer liebenswert. Mehr als 600 Menschen haben auf der Facebook-Seite von My Kuh-Tube bereits auf „Gefällt mir“ geklickt.

Wie der Hofbetrieb sind die Videos eine Sache der ganzen Familie. Auf dem Hof der Cordings ist Ehefrau Bianca für Technik und Organisation zuständig. Sie filmt, führt Regie und entscheidet, ob die Aufnahmen an die Produktionsfirma verschickt, oder noch einmal wiederholt werden müssen. Nicht selten heißt es: Klappe, die zweite. Langsam werden die Cordings aber zu Profis, was das Filmen angeht.

Die kleine Videokamera, die die Landesvereinigung Milchwirtschaft zur Verfügung gestellt hat, ist schon eingeschaltet, als Bianca Cording den Kälberstall betritt. Sie hat den kleinen Bildschirm an der Seite ausgeklappt, richtet die Linse auf ihren Mann. „Warte“, sagt Malte und macht mit Schwung die große Holz-Schiebetür ganz auf. „So kommt mehr Licht rein. Wir haben ja schon unsere Erfahrungen.“ Das sieht man: Bianca Cording weiß, wie sie sich am besten hinstellt, damit die Kamera nicht wackelt. Bevor es losgeht, sorgt sie dafür, dass sie einen festen Stand hat. Die Kamera hält sie zwischendurch mit beiden Händen. Sie konzentriert sich beim Filmen auf das, was die Kamera aufnimmt, statt herumzulaufen, zu viel zu schwenken oder hin und her zu zoomen. Es reicht, wenn sich ihr Mann und ihr Sohn bewegen, der Traktor oder die Kühe.

Die aufgenommenen Sequenzen schickt sie unbearbeitet zur Produktionsfirma. Was die daraus macht, welche Szenen sie zusammenschneidet, ist für die Familie eine Überraschung, sagt Bianca Cording: „Ich bin immer ganz gespannt, wenn wieder ein Video ins Internet gestellt wird.“

Sandra Binkenstein
Sandra Binkenstein Thementeam Soziales