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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Neuem „Tannhäuser“ gelingt Kunststück

27.07.2019

Bayreuth Die Bayreuther Festspiele haben einen neuen „Tannhäuser“. Regisseur Tobias Kratzer hat am Donnerstag seine überaus kurzweilige Version vom „Sängerkrieg auf der Wartburg“ auf dem Grünen Hügel auf die Bühne gebracht. Ihm gelingt dabei nicht weniger als ein Kunststück: Selbst nach Stunden im stickigen Festspielhaus bei gefühlten 40 Grad schleicht sich der Wunsch ein, es möge doch noch weitergehen da auf der Bühne.

Dabei heißt kurzweilig keineswegs leicht. Kratzer interessiert sich nicht für das überkommene Frauenbild und den klassischen Gegensatz zwischen Hure und Heiliger in Richard Wagners früher Oper, sondern nimmt die beiden gegensätzlichen Frauenfiguren als Symbole für Avantgarde und etablierte Kunst. Er spitzt die Geschichte so zu einer der wichtigsten Fragen (nicht nur) für die Festspiele zu: Wo positionieren sie sich? Was ist der richtige Weg in die Zukunft?

Ungewohnte Töne

Diese Fragen und Kratzers ebenso humorvolles wie kluges, berührendes und künstlerisch unglaublich stimmiges Plädoyer für eine Aussöhnung von Pop- und Hochkultur gefällt allerdings nicht jedem. Nach der Premiere gibt es einige Buhs, aber auch großen Jubel, Bravo-Rufe und Getrampel. Einige begeisterte Zuschauer hält es nicht mehr auf den Sitzen.

„Es ist heute ein bewegender Abend gewesen“, sagt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) danach. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) nennt die Inszenierung gar „spektakulär“ und Festspiel-Chefin Katharina Wagner sagt: „Ich habe selten so einen positiven, emotionalen Abend in Bayreuth erleben dürfen. Ich habe die erste Bühnenprobe gesehen und ich wusste: Das wird was.“

Mehr Buhs als für die Regie gibt es – sehr ungewöhnlich in Bayreuth – für den russischen Star-Dirigenten Waleri Gergijew bei seinem Hügel-Debüt. Er hatte das Orchester zuvor sehr zügig, manchmal ungestüm, geführt. Möglich, dass das Bayreuther Publikum ihm auch etwas übel nimmt, dass er sich dem Grünen Hügel in diesem Sommer nicht exklusiv verschrieben hat, sondern in Salzburg auch Verdi dirigiert.

Ausschließlich Applaus brandet am Donnerstagabend auf für das auch schauspielerisch überzeugende Sänger-Ensemble um „Tannhäuser“ Stephen Gould, Markus Eiche als Wolfram von Eschenbach und Elena Zhidkova als Venus-Einspringerin für Ekaterina Gubanova, die sich bei den Proben das Knie verletzt hatte. Den meisten Jubel bekommt – völlig zu Recht – Lise Davidsen für ihre klare und stimmgewaltige Darstellung der Elisabeth.

Ungewohnte Töne vom Publikum gibt es gleich zu Beginn des ersten Aktes: Es wird laut gelacht im Festspielhaus – nicht das einzige Mal an diesem Abend. Während der Ouvertüre zeigt ein Video auf großer Leinwand in tollen Bildern (Video: Manuel Braun) erst einen Drohnenflug auf die Wartburg und dann einen Kleinbus, der in einem Affenzahn an einer Biogasanlage vorbeifährt. Ein Handwerker bringt dort gerade das Schild an „Mangels Nachfrage geschlossen“. Es ist ein etwas gemeiner, aber vor allem sehr lustiger Verweis auf den letzten Bayreuther „Tannhäuser“ von Regisseur Sebastian Baumgarten (Premiere 2011), der aus unerfindlichen Gründen in einer solchen Anlage spielte und bei Publikum und Kritikern gleichermaßen durchfiel.

In dem etwas heruntergekommenen Bus sitzen die Venus, Tannhäuser, ein schwarzer Travestie-Künstler („Le Gateau Chocolat“) und ein kleinwüchsiger Oskar Matzerath (Manni Laudenbach) mit Blechtrommel. Das Motto der bunten Künstlertruppe: „Frei im Wollen, Frei im Thun, Frei im Genießen!“ Der Genuss der Freiheit endet für Tannhäuser, als Venus im Drive-In von Burger King mit ihrem Bulli einen Polizisten ummäht und ihn blutüberströmt und sterbend liegen lässt. Das geht ihm dann doch zu weit. Er steigt aus und kehrt zurück zu seinen Wurzeln, zum Bayreuther Festspielhaus, in dem seine Sänger-Kumpels von einst ihn freudig wieder aufnehmen.

„Mehr Fleisch geben“

Nach der Ouvertüre ist schon so viel passiert bei Kratzer, wie sonst im schlechtesten Fall an einem ganzen Opernabend nicht. „Den Figuren mehr Fleisch geben“, nannte der Regisseur das vor der Premiere. Venus, die in der aufgeführten Dresdner Fassung der Oper eigentlich nur im ersten Aufzug singt und im letzten ganz kurz, ist dauerpräsent – sogar in der ersten Pause. Da tritt sie mit Oskar im Festspielpark an einem Teich auf, um zuzuhören, wie der „Schokoladenkuchen“ Madonnas „Holiday“ singt und ein Lied aus dem Disney-Klassiker „Arielle“. Die Inszenierung wagt sich raus aus dem Festspielhaus. Ein Novum auf dem Grünen Hügel. „Die Laufrichtung ändern“, sagt Regisseur Kratzer.

Im zweiten Akt dann kommt es zur Schlüsselszene: Als Tannhäuser beim Sängerwettstreit offenbart, dass er im Venusberg von der verbotenen Frucht genascht hat, geben Venus und ihre beiden Mitstreiter sich zu erkennen, freuen sich über den wiedergewonnenen Kumpel, hissen die Regenbogenflagge – und selbst die heilige Elisabeth liebäugelt kurz mit der künstlerischen Freiheit. Gleichzeitig sind „Le Gateau Chocolat“ und Oskar berührt von Wagners Musik im Festspielhaus. Annäherung scheint möglich. Doch parallel wird Festspiel-Chefin Katharina Wagner in einer Video-Sequenz eingeblendet, wie sie die 110 wählt, um die Kunst-Revoluzzer und Tannhäuser aus dem Festspielhaus verbannen zu lassen. Chance vertan – mit dramatischen Folgen für alle Seiten.

Am Ende hat die Popkultur sich verkauft, „Le Gateau Chocolat“ hat die Künstlertruppe verlassen und wirbt auf einem riesigen Plakat für Luxusuhren. Und die Hochkultur trifft es sogar noch schlimmer: Elisabeth liegt tot und blutüberströmt im Bus. Keine Erlösung in Sicht – für niemanden.

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