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Festspiele Intimes für Augen und Ohren

Horst Hollmann

BAYREUTH - Den Kenner der Bayreuther Festspiele erkennt man am Sitzkissen. Das klemmt er sich beim Weg ins Festspielhaus unter den Arm und flaniert ein wenig herum, damit man ihn als Kundigen ortet. Am Platz legt er es sich in den Rücken. Damit lassen sich Stunden aushalten.

Weder weiche Kissen noch harte Kämpfe um Karten werden bald vonnöten sein. Seit 1876 werden Wagner-Opern auf dem Grünen Hügel gegeben. Seit 2008 auch als „Public Viewing“ auf dem Festplatz der Stadt. Seit 2011 nun trotz viel Gesang und wenig Action live im Fernsehen. Mit „Lohengrin” auf Arte vor Augen und Ohren sitzt man nicht mehr angespannt aufrecht. Man kann sich hinfläzen.

Elitäre Privatsphäre

Für das, was da am vergangenen Sonntag passiert ist, ist das eine unangemessen profane Handlung. Das Innere des Festspielhauses ist kein einfaches Operntheater. Es ist ein heiliger Ort. Optische und geistige Verdunklungen und Erhellungen prägen sein Eigenleben ebenso wie der technische Rahmen. Der Orchestergraben ist in seiner Öffnung ebenso auf Raum und Akustik abgestimmt wie, ja eben, die Bestuhlung. Wer da dämpfende Kissen einbringt, muss eigentlich mit seinem Gewissen darüber reden.

An diesem 14. August hat Bayreuth seine elitäre Privatsphäre preisgegeben zugunsten einer virtuellen Öffnung für die ganze Welt: Leicht zeitversetzt die ersten beiden Akte, nach verkürzten Pausen in Echtzeit der dritte. Wem wird das am meisten nutzen? Wagner selbst könnte diese Dimension begeistert begrüßt haben. Wer den kundigen Interviews von Moderatorin Anette Gerlach lauscht, hätte sie zu gern im Gespräch mit dem Komponisten erlebt. Aber das geht ja nun mal nicht.

Doch die Erörterungen etwa mit „Opernwelt”-Chefredakteur Stephan Mosch zu dieser „Ratten“-Inszenierung von Hans Neuenfels aus dem Vorjahr erklären viele Hintergründe: „Der Mensch als Ratte steht unter der Kontrolle einer anonymen Macht und verliert seine Persönlichkeit.“

Die Kameraführung bevorzugt die Halbtotale, was den Tier-Mensch-Horden etwas an Wucht nimmt. Erscheinen die Sängergesichter im Großformat, wirkt das erstaunlich unaufdringlich. Die Musik kommt klar heraus, wirkt nicht manipuliert wie bei Studioaufnahmen. Zuschauerraum und Orchestergraben bleiben ungezeigt sakrale Räume. Und wenn Annette Dasch und Klaus Florian Vogt innerlich aufgewühlt den Schlussbeifall genießen, dann wird das zu einem der größten und intimsten Momente.

Hektisch agiert

Für gut 20 Minuten fallen im ersten Akt Bild und Ton aus. Haben da Hasser der Inszenierung angegriffen? „Es war ein technisches Problem wegen der Regenfälle“, wird später die Moderatorin erklären. Arte liefert einen Kulturschock, greift hektisch im Archiv zu Jonas Kaufmann, der in Bayreuth gar nicht sang, mit Mozart und Beethoven. Ach du heiliger Gral!

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