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Musik Ratlos angesichts lauter Rätsel

Paul Winterer

BAYREUTH - Man könnte meinen, Opernregisseure hassen nichts so sehr wie leicht verständliche Deutungen. Ohnehin ist eine ganze Reihe musikdramatischer Werke schwer verdaulich – davon kann das Publikum etwa der Bayreuther Festspiele ein Lied singen. Doch damit nicht genug: Regisseure verrätseln Richard Wagners Werke nach Kräften, lassen Laborratten auf der Bühne umhertapsen und bauen Biogasanlagen als Bühnenbild. Die Zuschauer verstehen die Inszenierungen nicht mehr – oder wollen sie vielleicht auch nur nicht verstehen. Sie buhen die Regisseure kräftig, teils wütend aus, während sie die Sänger feiern. Schlägt das Publikum jetzt zurück?

SS-Aufmärsche

Soviel ist sicher: Es kriselt im Musiktheater, genau genommen zwischen Musik und Theater. Und das nicht nur in Bayreuth – wobei ausgerechnet der „Grüne Hügel“ auch ein gelungenes Gegenbeispiel liefert: nämlich Stefan Herheims Inszenierung des Bühnenweihfestspiels „Parsifal“.

Herheim liefert eine beklemmend aktuelle Interpretation der Wagnerschen Religionsoper – das Erlösungsdrama als politisierendes Friedensdrama. Und als Zeitreise durch die deutsche Geschichte: Filmschnipsel aus den Schlachten des Ersten Weltkrieges, verwundete Soldaten, Hakenkreuzfahnen und Aufmärsche der SS-Schergen. In den Ruinen des Krieges treffen sich die Reste der zerfallenen Gralsgesellschaft. Erlösung bringt die friedliche deutsche Nachkriegsdemokratie. Ein Konzept, das die Musik und Wagners Intentionen nicht vergewaltigt, sondern eine mögliche Lesart anbietet. Der Lohn: Beifall – und kein einziger Buhruf.

Ganz anders sieht es aus mit der diesjährigen Bayreuther Neuinszenierung des „Tannhäuser“: Denn mit der technokratischen Sicht des Regieteams um Sebastian Baumgarten – eine Biogasanlage und Nahrungserzeugung aus menschlichen Abfällen – kann das Premierenpublikum rein gar nichts anfangen. Es buht voller Wut – und bleibt ratlos. Ein schwerer Fall ist auch die Inszenierung der „Meistersinger von Nürnberg“ von Katharina Wagner.

Buhen nach Leibeskräften

Das Publikum will der Deutung der Wagner-Urenkelin, einer Persiflage auf jegliche Deutschtümelei, partout nicht folgen – und das schon seit der Neuinszenierung 2007. Es buht nach Leibeskräften. Ähnlich im „Lohengrin“: Die lebensgroßen Laborratten sorgen nicht unbedingt für Klarheit, die Inszenierung von Hans Neuenfels lässt ratlose Gesichter zurück. Immerhin wird die „Lohengrin“-Premiere zum Sängerfest – dank des Tenors Klaus Florian Vogt in der Titelrolle und der Sopranistin Annette Dasch als Elsa. Dabei läuft es den Intentionen Richard Wagners eigentlich zuwider, die Musik vom Geschehen auf der Bühne abzutrennen. Zumal Bayreuth mit einem Problem kämpft: Es fehlen Sänger für die extrem schwierigen Partien. Die großen Szenen wie etwa Tristans Fieberekstasen verlangen eine Ausdrucksfähigkeit, die „übermenschlich“ ist, wie die legendäre hochdramatische Sopranistin Frida Leider einmal sagte.

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