Garrel - Rund 1000 Besucher, die „Alles nur geklaut“ lauthals mitsingen – und das in einer katholischen Kirche: auch für „Die Prinzen“ nicht alltäglich. Die Musiker gaben am Mittwochabend in Kirche St. Peter und Paul in Garrel ein vielumjubeltes Konzert.

Zugegeben: Ich bin kein Fan, der Klamauk-Pop der Dresdner Sangesknaben ist mir zuweilen zu überdreht. Doch natürlich haben „Die Prinzen“ auch mich durch die Jugend begleitet. Den „Kammerton A“ zu „Küssen verboten“ summe ich also fast automatisch mit, leise, das mich ja keiner hört, aber immerhin. Dass Sebastian Krumbiegel dabei vielleicht nicht mehr ganz in die höchsten Tonsphären vordringt – sei’s drum bei 26 Jahren Bandgeschichte.

Eine kurzen bislang unbekannten Pfad beschreiten die fünf Musiker zum Start: „Eine feste Burg ist unser Gott“ eröffnet das Konzert dem Veranstaltungsort angemessen. Eine Burg, die „nach allen Seiten offen sein soll“, sagt zur Begrüßung Pfarrer Paul Horst, der einen vergnüglichen Abend wünscht. Mit dem „Mann im Mond“ geht es wieder in die Spur der A-Cappella-Gassenhauer. Das Publikum honoriert es mit lautstarkem Applaus. Nicht viele, aber doch einige der Besucher waren noch nicht auf der Welt, als die Prinzen „Das Leben ist grausam“ aufnahmen. Das Album, das ihren Durchbruch bedeuten sollte. „Gaby und Klaus“ gibt es daraus. „Ihr seht so frisch aus“, sagt Tobias Künzel vorher ins Publikum und scheint fast ein wenig überrascht. Das Vierteljahrhundert, in dem „Die Prinzen“ auf der Bühne stehen, ist auch an uns nicht spurlos vorbeigerauscht.

Gelegenheit für einen sentimentalen Rückblick: die „heiße Mathelehrerin“ und „durchzechte Nächte“ – „Es war nicht alles schlecht“ heißt es, wie auf dem Album.

„Es bilden sich viele was auf Deutschland ein/Und mancher findet es geil, ein Arschloch zu sein“ singt die Band in „Das alles ist Deutschland“ und weiß nicht recht, ob sie sich über die Aktualität – Fremdenfeindlichkeit und Sextourismus sind Themen – auch nach so vielen Jahren freuen soll.

„Heute fangen unsre besten Zeiten an“, blickt Berufsoptimist Tobias Künzel voraus – so der Titel aus dem neuen „Familienalbum“ –, denn die größte Kirche in der laufenden Tour mit rund 1000 Besuchern zu füllen: „Das ist wie Weihnachten“, scherzt Krumbiegel, der immer wieder mit dem Publikum kokettiert.

„Er steht im Regen“, noch so ein Lied aus dem neuen „Familienalbum“. Im Rhythmus der Melancholie werden dort, im Kaiforter Schiff, Glow-Sticks geschwenkt. Vereinzelt zwar, aber sie sind da. Die Klassiker sind es, die immer wieder Jubelstürme ernten: „Vergammelte Speisen“, „Mein Fahrrad“, „Schwein sein“, „Millionär“. Und dann, die Band hatte sich in den lauen Sommerabend verabschiedet, aber stürmt für zwei Zugaben erneut die Bühne: „Alles nur geklaut“. Stehende Ovationen. Licht aus. Vorbei.

„Ganz egal, wie sehr uns jemand leiden kann“, heißt es irgendwo: Ein Fan bin ich nicht geworden. Doch auf dem Heimweg summe ich nicht nur die Melodie von „Küssen verboten“, ich pfeife sie sogar.

Vor Beginn des Konzerts gab es eine besondere Überraschung für die Garreler Bürgerstiftung: „Die Prinzen“ überreichten einen Scheck über 1000 Euro aus den Eintrittsgeldern an „Lüttke Lüe“.

Reiner Kramer
Reiner Kramer Redaktion Münsterland (Stv. Leitung Cloppenburg/Friesoythe)