BERLIN - Da steigt ein Mann in den Fahrstuhl des Hyatt-Hotels, „hey“, krächzt Marcus Machura, „das ist ja Thure Lindhardt!“ Machura ist der Einzige in der Hotel-Lobby, der Lindhardt erkennt, aber das soll sich bald ändern: Im Oktober will Machura die dänische Komödie „Truth about Men“ in die deutschen Kinos bringen, Lindhardt ist der Hauptdarsteller. „Ein herrlicher Film“, lobt Machura.
Die Sache hat nur einen Haken: Es gibt viel zu viele herrliche Filme auf der Welt.
532 Erstaufführungen gab es im Jahr 2011 in den deutschen Kinos, das macht mehr als zehn neue Filme pro Woche. Dem gegenüber standen 129,6 Millionen Kinobesucher, was übersetzt bedeutet: Durchschnittlich geht jeder Deutsche pro Jahr nur 1,6-mal ins Kino.
Das hier ist also der Job des Filmverleihers Marcus Machura aus Munderloh (Landkreis Oldenburg), 37 Jahre alt: Er muss dafür sorgen, dass sich möglichst viele Deutsche bei ihren 1,6 Kinobesuchen für „Truth about Men“ entscheiden.
Machura gehört zur Geschäftsführung der Stuttgarter Firma Camino Filmverleih, und jetzt sitzt er vor einem dampfenden Latte Macchiato im Grand Hyatt am Marlene-Dietrich-Platz. Um seinen Hals hat er einen Schal gewickelt; seine Stimme ist weg, zwei Berlinale-Tage hat sie diesmal bloß gehalten. Er flüstert: „Für einen Filmerfolg braucht man zunächst einmal einen guten Film.“
Es ist ein sehr aufwendiger Job, einen guten Film zu finden. Bei Camino erledigt zumeist Kamran Sardar Khan (45) diesen Job, da läuft er gerade ins Hyatt, es ist gleich Mittag.
Leidenschaftlicher Filmfan
„Lass’ mich raten“, scherzt Machura, „du hast heute schon drei Filme gesehen!“ „Zweieinhalb“, verbessert ihn Khan, „der letzte war nicht so gut.“ Khan schaut sich Filme für 2013 an, das Camino-Programm für 2012 steht ja schon.
Auf seinem Laptop präsentiert Marcus Machura die 2012er-Filme, er lobt sie fast alle als „herrlich“, „wunderbar“ oder „bewegend“. Ja, gibt er zu, er sei ein leidenschaftlicher Filmfan. Vielleicht, weil er als Kind in Munderloh nicht viel Fernsehen gucken durfte, „erst im Jura-Studium habe ich das alles nachgeholt“. Jetzt ist er ein Rechtsanwalt, der seine Leidenschaft zum Beruf gemacht hat – er setzt seine juristischen und betriebswirtschaftlichen Fähigkeiten im Filmgeschäft ein.
Wenn Kamran Sardar Khan einen herrlichen Film entdeckt hat, müssen die Rechte für den deutschen Markt gekauft werden, zumeist wird dafür eine fünfstellige Summe fällig. Der Film braucht einen deutschen Titel; für „Truth about Men“, sagt Machura, weiß er bisher noch keinen.
Dann braucht der Film ein „Artwork“ für Plakate und Flyer, er braucht eine Presseagentur für die Vermarktung, er muss synchronisiert werden, er muss kopiert werden. „Jede Kopie kostet 1000 Euro“, erklärt Machura, „das zahlen wir alles in Vorleistung.“ Er lächelt: „Deshalb hofft jeder auf den großen Geheimtipp: günstig eingekauft, aber ein Renner an der Kinokasse.“
Doch manchmal passiert so etwas wie mit „Love Life – Liebe trifft Leben“. „Ein herrlicher Film“, sagt Machura, „preisgekrönt, aber nach einer Woche war er tot.“ Der Grund: Als der Film Ende September 2011 anlief, war es draußen 30 Grad heiß. Niemand wollte seine 1,6 Kinogänge ausgerechnet an diesem Wochenende erledigen.
Mann im Hintergrund
Solche Gründe gibt es viele: Manchmal funktioniert der deutsche Filmtitel nicht, manchmal ist die Konkurrenz zu stark. Gerade erst hat Camino einen Filmstart verschoben, weil der Erfolgsstreifen „Ziemlich beste Freunde“ die Leinwände blockierte. „Man muss rechnen“, sagt Machura, „da ist das Filmgeschäft ein Geschäft wie jedes andere auch.“ Er lächelt: „Es sieht nur viel glanzvoller aus.“
Schauspieler Thure Lindhardt ist längst im Hyatt-Fahrstuhl verschwunden. Er hat Marcus Machura natürlich nicht erkannt, den Mann im Hintergrund.
