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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Eine unerwartete Fortsetzung

17.10.2019

Berlin Ein Staat, in der Frauen keinerlei Rechte haben, noch nicht einmal einen eigenen Namen. Gilead hat die Kanadierin Margaret Atwood 1985 in ihrem Erfolgsroman „Der Report der Magd“ diesen Staat genannt und als Nachfolger der USA beschrieben. Hier erlebte die junge Desfred ein Martyrium, denn als sogenannte Magd ist ihre einzige Aufgabe, sich vom Hausherrn schwängern zu lassen.

„Der Report der Magd“ wurde zu einem internationalen Erfolg. Mehrere Millionen Exemplare wurden weltweit verkauft, hinzu kamen ein Hollywoodfilm und eine sehr erfolgreiche Fernsehserie. Eine Frage aber blieb: Was wurde aus Desfred? Der als Tagebuch der jungen Frau gestaltete Roman endet in einem Fluchtversuch.

Nach einer Pause von 34 Jahren, in denen sie zahlreiche Bücher zu anderen Themen schrieb, hat Margaret Atwood nun mit „Die Zeuginnen“ einen neuen Roman veröffentlicht, der in Gilead spielt.

Um es gleich zu sagen: Der Roman ist keine Fortsetzung des „Reports der Magd“. Er spielt etwa 15 Jahren nach den Ereignissen des ersten, und Desfred, die zentrale Stimme des „Reports“, taucht nur einmal ganz kurz auf.

Im Nachwort zu „Die Zeuginnen“ erläutert Atwood ihre grundlegenden Gedanken zu der Geschichte: „Totalitäre Staaten können von innen heraus anfangen zu bröckeln, wenn sie die Versprechen, die sie an die Macht gebracht haben, nicht halten. Oder sie werden von außen angegriffen. Oder beides.“

Der Roman beschreibt, wie Fanatiker die USA in einen fundamentalistischen Staat verwandeln, der an die Puritaner des 17. und 18. Jahrhunderts erinnert, aber auch Element heutiger Gottesstaaten aufgreift. Dabei werden Zwang und Gewalt wichtige Faktoren, aber auch Duckmäusertum und Anpassungsbereitschaft.

Im neuen Roman erzählen drei sehr unterschiedliche Frauen ihre Lebensgeschichten. Aus diesen Aussagen von Zeitzeuginnen ergibt sich dann ein zusammengesetztes Bild des Lebens in und Scheiterns von Gilead. Zwei von ihnen sind junge Mädchen. Agnes wächst als Tochter eines Funktionärs in Gilead auf, Daisy in Kanada bei einem Ehepaar, das sich im Widerstand gegen Gilead engagiert.

Die wichtigste Stimme jedoch gehört Lydia. Anfangs eine liberale Richterin, wird sie von den neuen extremistischen Machthabern durch Gewalt dazu gebracht, zu einer radikalen Vertreterin des Regimes zu werden. Sie trägt den Titel „Tante“, mit dem verschleiert wird, dass sie gnadenlos dem Geheimdienst zuarbeitet.

Mit den drei weitgehend unabhängig voneinander erzählten Erlebnisberichten hat Margaret Atwood in „Die Zeuginnen“ ein komplexes Bild einer von Angst und Unterdrückung beherrschten Gesellschaft gezeichnet. Aber natürlich erzählt sie im Roman keine Fantasiegeschichte. Bei einer Fragestunde auf dem Internetportal reddit betonte Atwood, dass im „Report der Magd“ „nichts steht, dass nicht schon einmal irgendwo irgendwann passiert wäre“. Dasselbe gilt auch für „Die Zeuginnen“.

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