BERLIN - Alles kommt wieder. Und doch erfinden junge Künstler die Rockmusik ständig neu.

Von Karsten Krogmann

BERLIN - Jetzt wird das aber hektisch hier. Kaum haben wir uns an den knuffigen Sänger Adam Green aus New York gewöhnt und unseren Lesern hinlänglich empfohlen, gibt es schon den nächsten Trend. Der heißt Bloc Party, kommt aus England und ist nach Einschätzung führender Musikexperten mindestens so gut wie Franz Ferdinand. Das ist ein großes Kompliment, weil die schottische Band Franz Ferdinand ja der heißeste Trend vor Adam Green und nach The Strokes war, aber dazu später mehr.

Jetzt bitte Bloc Party. Eine Gitarre klingelt links, läutet rechts, klingelt noch mal links. Der Bass schubst sie ein bisschen im Stereobild herum, bis sich der Schlagzeuger einmischt und zur Eile mahnt. Der Sänger steigt auf eine Leiter, singt gepresst ein Loblied auf die 80er. Auf The Cure, auf The Smiths, auf The Clash. Und auf Franz Ferdinand eben. Frecher, aggressiver, tanzbarer als das Vorbild kommt „Silent Alarm“ daher, und für ein hübsch altertümliches Zitat von Genesis bleibt auch noch Zeit. Schade, dass der Platte nach hinten hin die Puste ausgeht.

Mehr Luft braucht übrigens, wer folgende Band beim Namen nennen will: And You Will Know Us By The Trail Of Dead. Ähnlich kompakt bolzt ihr Album „Worlds Apart“ aus den Lautsprechern: eine Rockoper, die ebenfalls die alten Genesis kennt und keine Rücksicht auf die Zeitvorgaben des Formatradios nimmt. Hätten sich Pink Floyd seinerzeit Sicherheitsnadeln durch die Ohren gezogen und Autolack in die Haare gesprüht, hätten sie die Kraft von Trail Of Dead gehabt. Haben sie aber nicht.

Wären Pink Floyd hingegen zum Zen-Buddhismus konvertiert, hätten sie vielleicht wie Mercury Rev geklungen, taten sie aber auch nicht. Der träumerische Luftkissen- Progrock bleibt deshalb eine Erfindung der Gegenwart: sanfte Klänge, die den Pomp fesch zum Trend erklären.

Dass weder Trail Of Dead noch Mercury Rev der Titel „Vorläufiges Album des Jahres 2005“ zufällt, liegt an The Mars Volta. Deren Platte „Frances The Mute“ klingt ein wenig so, als würden Pink Floyd mit Sprengstoff experimentieren: Funk, Jazz, Heavy Metal und Salsa sind hier für ein Lied nichts, 13 Minuten schon gar nicht. Wegen des Ohrensausens fragen Sie bitte Ihren Arzt oder Apotheker.

Und jetzt bitte Durchatmen. Wir hätten da noch Bright Eyes im Angebot, eine Band, die im richtigen Leben ein einzelner junger Mann ist und Conor Oberst heißt. Der 24-Jährige pfeift auf den 80er- wie auf den Progrock-Trend und schreibt stattdessen wunderbare Pop-Melodien. Die singt er je nach Laune zur Countryband („I’m Wide Awake, It’s Morning“) oder zum Elektro-Geknister („Digital Ash In A Digital Urn“), und immer klingt es schön.

Ach, Sie mögen sich nicht entscheiden für einen Trend? Dann ist vielleicht Rufus Wainwright der Richtige für Sie: Ein Cello schnarrt, ein Saxofon vergießt ein paar Tränen, der Sänger steigt auf einen Turm und stößt das „Agnus Dei“ hinunter. Wainwright mischt auf „Want Two“ Folkpop mit Pomp und rettet damit nicht nur die Rockmusik, sondern auch die Oper in die Unsterblichkeit.

Apropos unsterblich: Erinnert sich eigentlich noch jemand an The Strokes, die ersten Rock-Retter des neuen Jahrtausends? Macht nichts, alles kommt wieder. Wir haben ja erst März.