BERLIN - BERLIN - Die bisher längste Dokumentation der Filmgeschichte ist sein Lebenswerk. Die Chronik der „Kinder von Golzow“ des Berliner Filmemachers Winfried Junge ist purer Alltag, 33 Stunden lang und immer noch nicht ganz fertig.

Die Kinder aus dem kleinen Dorf im Oderbruch sind heute 50. Junge feiert heute seinen 70. Geburtstag. Auch ein paar der Golzower sind dabei. Der Filmregisseur als eine Art Übervater und seine Protagonisten teilen ähnliche Erfahrungen.

30 Jahre vor dem Mauerfall im DDR-Sozialismus und 15 Jahre im wiedervereinten Deutschland folgte die Kamera der Spur der Abc-Schützen von einst. Lebensstationen und Lebensbrüche, unerwartete Glücksmomente und zerplatzte Träume sind auf rund 400 Kilometern Film verewigt. Mit Hochdruck arbeiten Junge und seine Frau Barbara, Co-Regisseurin und Schnittmeisterin, derzeit am 19. Golzow-Film.

Vorläufiger Titel: „Das Ende der endlosen Geschichte“. „Danach ist wirklich Schluss“, versichert Junge im Gespräch. Geplant seien noch einmal über vier Stunden.

Junge möchte den Film, wie vorher schon eine Reihe seiner Golzow-Arbeiten, 2006 bei den internationalen Filmfestspielen in Berlin zeigen. 1982 hatte er hier mit „Lebensläufe – Geschichte der Kinder von Golzow in einzelnen Porträts“ erstmals im Westen für Aufsehen gesorgt. „Kein optischer Flitter, nirgends fauler Zauber, stattdessen Gesichter, die einen nicht wieder loslassen“, lobte „Der Spiegel“.

Die Golzow-Saga als „dörfliche Lindenstraße“, wie ein Kritiker einmal schrieb, hat ein Millionen-Publikum gefunden. Sie ist lebendiger Geschichtsunterricht mit Gesichtern und Schicksalen einfacher Menschen aus der ostdeutschen Provinz, egal ob Melker, Schlosser, Zimmermann, Ingenieur oder Laborantin. In der „Sicht auf einen Staat, der untergegangen ist, fühlten sich besonders Zuschauer im Osten bestätigt“, erklärt Junge. Der Grundstein für die DDR-Dorfchronik wurde 1961 gelegt. Die erste Klappe fiel ausgerechnet in den Tagen des Mauerbaus.

„Wenn ich erst zur Schule geh'“, nannte der diplomierte Defa-Jungfilmer Junge seinen Golzow-Einstieg. Ganze 14 Minuten posierten die Schulanfänger auf der Leinwand. Nur die Hälfte der 26 Erstklässler durfte anfangs mitmachen. Schule, Beruf, erste Liebe, Armeedienst, Hochzeit, Scheidung, Kindersegen, Feste, Freunde und Eltern – alles wurde registriert. Nach der Wende war es mitunter das Arbeitsamt, wohin Junge seine „Kinder“ begleitete.

Das Golzow-Projekt hat den in Berlin geborenen Regisseur, der im einstigen ostdeutschen Defa-Filmstudio außerdem eine Vielzahl anderer Dokumentarfilme drehte, berühmt gemacht. „Es war wie eine Kugel, die man anschiebt, die rollt weiter und weiter“, beschreibt er seine Leidenschaft dran zu bleiben.

„Von mir aus hinwerfen wollte ich nie.“ Aber es habe schon Gründe gegeben, einfach Schluss zu machen. Nachdem sich herausstellte, dass sich nicht alle der Golzow-Kinder zu den erwünschten „Vorzeige-Kommunisten“ entwickelten, hätte die Defa das Projekt am liebsten begraben. Nach der Wiedervereinigung wurde die Bettelei um Geldmittel dann zur Dauerbelastung.

Die bis in die Gegenwart geführte Sozialstudie, wegen ihrer Länge im Guinness-Buch der Rekorde, ging um die Welt und wurde selbst in China gezeigt. In Golzow öffnete ein Museum zur Geschichte der Langzeitdokumentation mit Fotos, Briefen, Zensurprotokollen und Plakaten. Das Kino „Arsenal“ am Berliner Filmmuseum widmet dem Jubilar seit Anfang dieses Monats eine Retrospektive mit allen 18 Golzow-Filmen.